Clara Zetkin: Redebeitrag zum Geschäftsbericht des Parteivorstandes

[2. Verhandlungstag, 12. September, 1911, „Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Abgehalten zu Jena vom 10. bis 16. September 1911 sowie Bericht über die 6. Frauenkonferenz am 8. und 9. September 19011 in Jena”, Berlin 1911, S. 261-263]

Klara Zetkin: Der Antrag 11 ist im ersten Teile unberechtigt, im zweiten Teile trifft er aber nicht den Kern dessen, um was es sich handelt. Nach dem ersten Teil könnte es scheinen, als ob bemängelt würde, dass der Vorstand, dass die Partei nicht genügend zur Aufklärung über den Militarismus tue. Ein solcher Vorwurf wäre durchaus ungerecht, Der Vorstand und die Partei haben es an einer aufklärenden Agitation nicht fehlen lassen. Auch in der Marokkoaffäre hat es der Vorstand nicht an der Initiative fehlen lassen. Wir bemängeln aber, dass diese Initiative nicht früher und energischer erfolgte. Genosse Fischer hat mit jener tiefen sittlichen Entrüstung und mit jener Anmut des Geistes, die zu seinen wesentlichen Charaktereigenschaften gehören und ihm so überaus wohl anstehen, sich gegen Genossin Luxemburgs „Indiskretion“ gewendet. Trotz allem, was gesagt worden ist, steht aber nach meiner Ansicht das Interesse der lebendigen Partei über dem Rechte der toten Form. Und bei der „Indiskretion“ ging es um das Interesse der Partei. Hand aufs Herz, Genossen: Sie alle, die sich über die „Indiskretion“ entrüsten! Wäre Ihre Entrüstung gleich lebhaft, gleich stürmisch gewesen, wenn Genossin Luxemburg an die Veröffentlichung des Briefes statt einer Kritik eine Zustimmung und Verherrlichung des Verhaltens unseres Parteivorstandes geknüpft hätte? Sie werden sagen, auch dann hätten wir die „Indiskretion“ verurteilt. Aber es hat dem Menschen zu allen Zeiten wie dem seligen Dänenprinzen noch nie an Gründen gefehlt, wenn er sich selbst beweisen will, dass er das Richtige getan habe. Genosse David hat uns Kritikern den guten Rat gegeben, unserer Verantwortlichkeit bewusst zu sein und nicht durch unzeitgemäße Kritik Aktionen der Partei zu stören. Ich hoffe, dass Genosse David den nationalliberalen sozialistischen roten „Monatsheften“ (Heiterkeit) auch diesen Rat gibt. Nicht nur durch theoretisch-kritische Auseinandersetzungen, nein, auch von den Männern der Praxis ist gerade von jener Seite die Aktion der Partei in wichtigen Momenten schon gestört worden. Ich erinnere an die Zustimmung zum Budget in Zeiten, wo die Sozialdemokratie gerade genug mit den Gegnern zu tun hatte (Rufe: Aha!) Monatelang dauerten damals die Auseinandersetzungen In einer Zeit, wo der Absolutismus herumgeht wie ein brüllender Löwe, wo wir den Kampf gegen das persönliche Regiment und das monarchische Prinzip zu führen haben, was geschieht da? In dieser Zeit beteiligen sich Genossen an höfischen Veranstaltungen, legen sie Gewicht darauf, sich vor allem als Träger zivilisierter europäischer Höflichkeit vor der Krone zu erweisen. Wird etwa durch Vorgänge dieser Art – bis herunter zur Anteilnahme von sozialdemokratischen Abgeordneten an dem Ministeressen in Stuttgart – die Aktionskraft der Partei gestärkt? (Sehr richtig! und Rufe! Na endlich!) Wenn man schon abrechnet, dann soll man auch nach beiden Seiten hin abrechnen. (Dr. Frank: Das ist Ihr Kampf gegen den inneren Feind!) War es wirklich gerechtfertigt, dass die Protestaktion der Partei erst einsetzte, als die Agitation der Alldeutschen, die höchsten Wellen schlug? Mir scheint es: nein. Wir bekämpfen nicht nur die alldeutschen Kriegshetzer, sondern die Regierung, die imperialistische Kolonialpolitik treibt und im letzten Grunde das Instrument dieser Kriegshetzer ist. Über die Bedeutung dieser Kriegshetze und ihre Wirkung im Auslande konnte man nicht einen Augenblick im Zweifel sein, Wenn Genosse Molkenbuhr der Ansicht ist, dass das Datum seines Briefes uns zu einem anderen Urteil über die Haltung des Parteivorstandei hätte bekehren müssen, so fühle ich mich veranlasst, ihm variierend zuzurufen: Gretchen, Du ahnungsloser Engel Du! (Heiterkeit.) Konnte jemand darüber im Zweifel sein, wie die Entsendung des Kanonenbootes „Panther“ in England wirken musste? In dem England, das vor der Festsetzung Deutschlands in Marokko zittert, weil diese seine Machtposition in Gibraltar erschüttern würde, das die zwei Wege nach Indien schützt. In England setzte die Kriegshetze gegen Deutschland sofort nach der Entsendung des „Panther“ ein. Da war es unsere Pflicht, um so eher zur kraftvollen, einheitlichen Protestaktion au schreiten, als wir ganz genau wussten, dass in England unsere Bruderparteien unter viel schwierigeren Verhältnissen wie wir in Deutschland für die Erhaltung des Weltfriedens eintreten müssten. Und die Hetze in England war nur das Pendant der Kriegstreibereien im eigenen Lande. Gewiss, es war noch nicht zu spät, als der Parteivorstand eingriff, es konnte noch vieles geschehen. Dass es aber nicht zu spät war, ist doch wahrhaftig nicht die Tugend und das Verdienst des deutschen Parteivorstandes gewesen, (Sehr richtig!) Niemand wusste von vornherein, dass es dann noch nicht zu spät sein würde. Es hätte auch anders kommen können. Wenn heute die Sonne auf uns herunter lacht, wenn nicht ein furchtbares Gewitter losbricht, ist das unser Verdienst? Ebenso wenig ist es das Verdienst des Parteivorstandes, dass die Situation in dem Marokkohandel eine Wendung nahm, die aus unserer Versäumnis nicht einen großen Schaben entstehen ließ. Wir hatten aber noch einen besonderen Grund, sofort gegen die Entsendung des Kanonenbootes zu protestieren. Sie war erfolgt ohne die Zustimmung des Reichstags. Das ist ein neuer Beweis für die selbstherrliche Art und Weise, wie in Deutschland gewirtschaftet und gerade die ausländische Politik betrieben wird, Deshalb war es unsere Pflicht, so rasch wie möglich zu handeln, Nun ist gesagt worden, wir hätten wegen der Wahlen vorsichtig, zurückhaltend sein müssen, Gerade aber die Rücksicht auf die Ausnutzung des Marokkoabenteuers zu Wahlzwecken war der stärkste Ansporn für uns, sofort auf den Plan zu treten. Es gibt keine bessere Vorbereitung unseres Aufmarsches zu den nächsten Reichstagswahlen, als wenn wir unter die breitesten Massen die Aufklärung über die geschichtlichen Zusammenhänge tragen, aus denen das Marokkoabenteuer naturnotwendig als reife Frucht hervorgewachsen ist. Dadurch beugen wir einer Ausnutzung zu Wahlzwecken vor. Wir Kritiker sind übrigens nicht – wie Genosse Fischer behauptete – klagende Jeremiasse gewesen. Wir haben nicht still gesessen und geweint, wir sind unter die Massen gegangen und haben damit gehandelt, soweit das uns möglich war. Die Protestbewegung ist vielerorts ohne die Initiative des Parteivorstandes und vor ihr ins Leben gerufen worden. Der Parteivorstand ist mit seinem Aufruf hinterher gehumpelt.

Mir ist die politische Unterlassungssünde des Parteivorstandes um so schärfer zum Bewusstsein gekommen, als dieser in seiner Eigenschaft als verwaltende Körperschaft sich in jeder Situation mit einer Umsicht, Besonnenheit und Energie betätigt hat; die das höchste Lob, die uneingeschränkte Anerkennung verdienen. Aber im Gegensatz dazu steht seine politische Inaktivität, die meiner Meinung nach – darin stimme ich mit Genossen Quarck überein – durch eine Reorganisation des Parteivorstandes behoben werden muss und nicht durch das provisorisch nötige, mechanische Mittel der Anstellung weiterer Sekretäre beseitigt werden kann. Wenn diese neue Etappe im Ausbau unserer Parteiorganisation von Auseinandersetzungen eingeleitet worden ist, so brauchen wir uns darob nicht zu bekümmern. Solche Auseinandersetzungen werden nicht ausbleiben, solange die Sozialdemokratie ein jugendfrischer Organismus bleibt. Von dem Tage an, wo sich die Entwicklung der Partei lediglich routinemäßig auf bürokratischem Wege vollziehen würde, von dem Tage hätten wir die Bekundung, dass die Sozialdemokratie anfängt, zu versteinern, zu verkrusten, dass sie altersschwach wird. Die Zusammenstöße der Meinungen sind das Zeugnis für das rastlose Vorwärtsdringen, die Kraft der Partei. Und wenn wir gelegentlich auch miteinander um die Erkenntnis der richtigen Mittel und Wege ringen, so hält uns das nicht ab, geschlossener und stärker als je zusammenzustehen, wenn es gilt, den gemeinsamen Feind zu schlagen. (Lebhafter Beifall.)


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