Franz Mehring: Der reine Zufall

[Die Neue Zeit, XXIV. Jahrgang 1905-1906, 2. Band, Nr. 50, S. 777-781]

f Berlin, 5. September 1906

Was wir vor drei Wochen an dieser Stelle über den Fall Podbielski schrieben, dass es nämlich manchem Manne nicht unlieb sein würde, wenn der preußische Landwirtschaftsminister ginge, aber dass es nicht danach aussähe, als ob er geneigt wäre zu gehen, hat sich seitdem vollkommen bestätigt.

Freilich sah es mitunter danach aus, als ob wir falsche Propheten gewesen seien. Selbst der Reichskanzler ließ schon hoch offiziös verkünden, dass Herr v. Podbielski sein Abschiedsgesuch eingereicht habe. Aber der Konsorte der Firma Tippelskirch war nicht zu verblüffen und bestritt einfach, dass er die Absicht habe zu gehen. Die Gebärdenspäher und Geschichtenträger der bürgerlichen Presse sind sich noch nicht im Klaren darüber, auf welcher Seite bei diesem Zwiste vom Pfade der Wahrheit abgebogen worden ist; in jedem Falle muss Fürst Bülow bei seinem Vorgehen sehr bald auf ein Pentagramma gestoßen sein, das ihm Pein machte; seine Offiziösen schlugen Schamade mit dem mageren Troste, dass aufgeschoben nicht aufgehoben sei. So ist Herr v. Podbielski noch im Amte.

Zum schweren Kummer der Patrioten, die nun schon seit langen Wochen in der liberalen Presse mit ohrzerreißendem Lärme gegen ihn trommeln und trompeten. Natürlich nicht weil er ein agrarischer Reaktionär sei, auch nicht weil er sich wirklich unsauberer Handlungen schuldig gemacht habe – so schwarzen Verdacht zu haben, bleibt diesen loyalen Seelen fern –, sondern weil es sich nicht mit der „Ehre“, der „Integrität“, der „Würde“ des deutschen Beamtentums vertrage, dass ein preußischer Minister im Amte bleibe, der mit einer Firma verbunden sei, die mit Reich oder Staat gewerbsmäßig Geschäfte mache. Wir haben schon auf die Heuchelei dieses Geredes hingewiesen, das sich im günstigsten Falle nur durch gänzliche Unkenntnis der preußischen Geschichte entschuldigen lässt. So schön der Grundsatz an sich sein mag, so wenig hat er sich hierzulande bisher verwirklichen wollen, und die liberale Presse ist in diesem Punkte auch durchaus nicht zum Sittenrichter berufen. Sie sogar am allerwenigsten. Wenn anders ein Abgeordnetenmandat dieselben Anstands- und Ehrenrücksichten erheischt – und das wird sich gerade vom liberalen Standpunkt aus doch nicht bestreiten lassen –, so hat sie ihrerzeit an liberalen Gründer-Abgeordneten Sünden beschönigt, verteidigt oder mindestens totgeschwiegen, gegen die alles, was sie jetzt vom braven Pod vorwirft, wirklich nur ein Kinderspiel ist.

Aber wie wertlos immer vom sittlichen Standpunkt aus ihr Spektakel über Podbielski sein mag, so ist er unter politischem Gesichtspunkt doch keineswegs so wirkungslos, wie die reaktionären Blätter sich anstellen zu glauben. Es ist nur bis zu einem gewissen Grade richtig, wenn sie sagen: je mehr die liberale Presse gegen einen Minister tobt, um so fester steht er. In einer seiner Verfassungsbroschüren sagt Lassalle sehr mit Recht, unter gewissen äußersten Umständen sei auch die öffentliche Meinung des Philisters eine Macht; wenn die in ihrer Weise gewaltigen kapitalistischen Heerpauken nach derselben Tonart im Schweiße zahlloser Kulis bearbeitet werden, dann gehören schon starke Nerven dazu, den furchtbaren Lärm auszuhalten. Sogar starke Männer haben nicht immer so starke Nerven; sogar Bismarck ließ seinen Intimus Wagener fallen, als dieser Gründerdilettant von dem rasenden See begehrt wurde, um ihn zu verschlingen. Eben dieser Fall Wagener zeigt dann auch, wie es in solchen Fällen gemacht wird. Man sagt dem begehrten Opfer: Gewiss bist du unschuldig, aber du bist nun einmal ein Pechvogel. So denke groß und sei großmütig; auf dass deine Klasse weiter sündigen kann, wandere als ihr Sündenbock in die Wüste. Man verspricht etwa auch noch für die Zukunft alle mögliche Rehabilitierung, woran man sich denn freilich nicht gebunden hält, sobald man den kompromittierlichen Gevatter los ist. Wagener ist im größten Elend gestorben, trotz aller Huld, womit ihn Bismarck bis zur Tür geleitete.

Anzeichen genug sprechen dafür, dass diese Versuchung auch an Herrn v. Podbielski herangetreten ist. Es ist sogar kein Zweifel daran, dass Fürst Bülow es gern so mit ihm gemacht hätte, wie seinerzeit Fürst Bismarck mit Wagener. Ja, bis in den Bund der Landwirte hinein scheint der Wunsch vorgeherrscht zu haben, dass Herr v. Podbielski gehen möge. Das Organ des Bundes verteidigte ihn mit einer auffallenden Mattigkeit. Es arbeitete namentlich mit dem allzu durchsichtigen und allzu verbrauchten Gerede, dass der tapfere Ritter Pod um seiner „loyalistischen“ Gesinnung willen angefeindet werde; ja es ließ in einem langen Feuilleton die Schüler eines hiesigen Gymnasiums auf dem Gute des Ministers vorsprechen, von ihm gütig empfangen und in den Ställen herumgeführt werden, „wo sich fünfzig Schweinemütter mit ihren lieben Kleinen sauwohl befanden“, und ihn endlich durch ihren Sprecher ermahnen, „Exzellenz möge in der ihn umtosenden Brandung fest stehen und noch recht lange seine Kraft dem Vaterland widmen“. Wenn so die „Deutsche Tageszeitung“ die Verteidigung ihres Abgotts schon an Schulknaben übergab, so musste sie an seiner Sache halb und halb verzweifeln.

Aber Herr v. Podbielski verzweifelte weder an sich noch an seiner Sache. Er befand sich „sauwohl“, obgleich seine „lieben Kleinen“ ihn zu verlassen drohten. Er sagte einfach: j’y suis et j’y reste. Und da ist denn freilich nichts zu machen. Es hieße gegen alle heiligen Überlieferungen und gegen alle praktischen Interessen der Bourgeoisie verstoßen, ein Mitglied wider seinen Willen auszustoßen, weil dies Mitglied getan hat, was nach den Bräuchen und Sitten der Klasse herkömmlich ist. Damit würde man die Existenz der Klasse aufs Spiel setzen. Ein solcher Fall – und niemand würde sich mehr sicher fühlen. Will sich Einer für alle opfern, nun wohl, so kann man das Opfer annehmen, aber wenn der Eine so ausnahmsweise starke Nerven hat, wie Herr v. Podbielski, so müssen alle für einen stehen. In wie unheilvolle Verwirrung würde der ganze gesegnete Betrieb kommen, wenn man ihn selbst bemakelte! Diese innere Lösung des Falles Podbielski kann man der Geschichte der preußischen Bürokratie vollkommen klar ablesen; halten die Nerven Pods aus, so bleibt er preußischer Minister.

Aber wie dann das entsetzliche Konzert der kapitalistischen Presse zum Schweigen bringen? Diese Frage ist in einer Weise gelöst, die an genialer Wucht noch die eherne Festigkeit Pods übertrumpft, Eines schönen Morgens meldete das Hauptblatt des Kanzlers, der Erbprinz Hohenlohe-Langenburg habe als Leiter der Kolonialpolitik abgedankt, und an seine Stelle werde Herr Bernhard Dernburg treten. Es war eine vollkommene Überraschung, selbst für die verschmitztesten Hintertreppenläufer. Ein Börsenmann, der politisch ein unbeschriebenes Blatt ist, aber in seinen Kreisen als ein Mann gilt, der fähig und geneigt sei, gewagte Unternehmungen glücklich abzuwickeln, Aufsichtsratsmitglied bei einem Dutzend oder mehr industriellen Aktiengesellschaften, Sohn eines Redakteurs beim „Berliner Tageblatt“, setzt mit einem Sprunge in den Wirklichen Geheimen Rat mit dem Exzellenzentitel hinein. Die Verblüffung war so groß, dass die Beschwichtigungshofräte daran erinnerten, ähnliche Fälle seien doch schon dagewesen; Camphausen und Hansemann und v. d. Heydt seien auch Kaufleute und selbst Bankiers gewesen. Das ist so weit ganz richtig, aber wir stehen doch nicht am Lendemain eines 18. März, und es war in der Tat veritabler Barrikadenkampf, der die Camphausen-Hansemann und dann – als allmähliche Rückkehr in die alten Gleise – auch v. d. Heydt ans Ruder brachte. Wobei denn auch nicht zu übersehen ist, dass zwischen dem kaufmännischen Typus Camphausen-Hansemann und dem kaufmännischen Typus Bernhard Dernburg ein verteufelter Unterschied besteht.

Natürlich bestreiten die offiziösen Beschwichtigungshofräte jeden Zusammenhang zwischen dem Falle Podbielski und dem Falle Dernburg; es sei der reine Zufall, dass im Augenblick, wo die liberale Presse einen junkerlichen Schweinezüchter die Ministertreppe herabzuzerren sucht, ein jüdischer Börsenmann in jähem Schwunge die Ministertreppe hinauffliegt. Wir sind zu loyale Untertanen, um an so feierlichen und glaubwürdigen Versicherungen zu zweifeln, aber dann hat der reine Zufall erstens einen sehr guten Witz gemacht und zweitens genau dieselbe Wirkung erzielt, die der Reichskanzler nur immer hätte wünschen können, wenn er beabsichtigt hätte, den Fall Pod durch den Fall Dernburg abzulösen. Herr v. Podbielski kann aufatmen oder vielmehr – da er selbst nie aus der Balance gekommen zu sein scheint – die den Fall Podbielski als drückenden Alb auf der Brust empfinden, können aufatmen. Die ganze Meute schnüffelt an dem „neuen Herrn“ und wedelt dabei mit den Schwänzen, in einer Heftigkeit, die man als Zeichen äußerster Befriedigung auszulegen berechtigt ist. Nicht als ob man politisch irgend etwas an Herrn Bernhard Dernburg heraus zu schnüffeln hätte. In dieser Beziehung weiß man nichts von ihm, als dass er der Sohn seines Vaters ist, und auch nicht einmal das. Der Apfel kann ja manchmal weit vom Stamme fallen. Auch ist es ein wenig lange her, seitdem Dernburg Senior eine bescheidene politische Rolle gespielt hat. Er war ein Hofgerichtsadvokat aus Hessen-Darmstadt und gehörte zu jenen nationalliberalen Abgeordneten aus den halb oder ganz annektierten Provinzen, die in den Jahren nach 1866 und 1870 viel dazu beitrugen, dem altpreußischen Fortschritt das letzte Mark aus den Knochen zu saugen. Es machte selbst im Jahre 1872 ein etwas peinliches Aufsehen, als Dernburg den alten Ziegler wegen dessen prächtiger Rede gegen das neue Militärstrafgesetzbuch als einen öden reichsfeindlichen Schwätzer verhöhnte. Dann wurde Dernburg Chefredakteur der „Nationalzeitung“ zur Zeit, wo sie politisch noch etwas darstellte, und es war gerade ihm beschieden, sie abwärts zu geleiten, wenn auch nicht bis auf ihren gegenwärtigen politischen Nullpunkt. Dernburg ging schon viel früher und legte sich darauf, Romane zu schreiben, die den Bedürfnissen des Leihbibliothekenpublikums weit entgegenkamen, aber gleichwohl nicht dazu gelangten, vom Lesepublikum der Leihbibliotheken begehrt zu werden. Immerhin reichten sie aus, ihm einen Ruf an das Feuilleton des „Berliner Tageblatts“ zu verschaffen, und zum letzten Male hörte man vor einigen Wochen von ihm, als die antisemitische Presse in ihrer Weise rumorte, dass „ausgerechnet Herr Dernburg“ am Grabe Shakespeares – bei der berufenen Reklamefahrt bürgerlicher Journalisten nach England – „als Dolmetsch des deutschen Volksgemüts die Seelengemeinschaft der beiden Völker gepriesen“ habe.

So viel ungefähr weiß man von Dernburg senior, aber von Dernburg junior weiß man nichts, als dass er ein Bankdirektor und Börsenmann von starken Nerven ist und sich als solcher manche schwere Million gemacht hat. Grund genug für die liberale Presse, ihm die glorreichsten Taten zuzutrauen, zumal da er der Sohn eines Tageblattredakteurs ist. Welche blendende Aussichten, wenn sich aus Herrn Mosses oder Herrn Ullsteins oder Herrn Scherls Garde die preußischen Minister zu rekrutieren beginnen. Wer Menschliches menschlich zu würdigen weiß, wird es begreifen, dass sich nunmehr die Blicke des liberalen Zeitungsgeschwisters vom düsteren Pod auf den lichten Dernburg richten.

Anders natürlich die reaktionäre Presse, die den Preis, um den sie ihren Pod behalten soll, doch etwas hoch zu finden scheint. Indessen will die „Kreuzzeitung“ ihren Einspruch nur für den Fall erheben, dass Herr Dernburg „etwa noch“ Jude sei; der „Reichsbote“ tröstet sich damit, dass Herr Dernburg eine evangelische Pfarrerstochter zur Mutter gehabt habe, und nur die „Deutsche Tageszeitung“ meint etwas unwirsch, die liberale Presse müsse nun „mit dem bei ihr üblichen Nachdruck“ fordern, dass Herr Dernburg „alle in seinem Besitz befindlichen Aktien solcher Gesellschaften und Unternehmungen, die einmal in die Lage kommen könnten, für den Staat oder das Reich zu liefern, sofort verkaufe, aber ja nicht etwa nur seiner Gattin zediere, sondern sich ihrer völlig entäußere“.

Jedoch auch dieser Partherpfeil ist auf der Flucht abgeschossen.


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