Clara Zetkin: Der internationale sozialistische Arbeiter- und Gewerkschaftskongress zu London

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 6. Jahrgang Nr. 17, 19. August 1896, S. 129 f.]

In stolzer Anzahl hatten sich die Vertreter des kämpfenden Proletariats in London zur Beratung zusammengefunden. Der letzte internationale Arbeiterkongress war zahlreicher beschickt als seiner Vorgänger, aber auch stürmischer bewegt und zum Teil unerquicklicher als einer von ihnen. Die Londoner Tage waren erster Linie Tage unerfreulicher Kämpfe und nicht ruhiger Arbeit. Sicherlich nicht durch Schuld derer, welche den Kongress und organisiert, auch keineswegs durch die Schuld der übergroßen Majorität der Delegierten. Verantwortlich dafür ist jene winzige Anzahl von Anarchisten und Anarchistengenossen, die ihren Worten nach den äußersten linken Flügel der revolutionären Arbeiterbewegung darstellt, deren Tun aber wieder und immer wieder der Reaktion Kampfe die revolutionäre Arbeiterbewegung zu Nutz und Frommen gereicht.

Der Kongress zu Brüssel und noch bestimmter der zu Zürich hatten sich gegen die Zulassung der Anarchisten zu den Tagungen des internationalen Proletariats erklärt. Das Organisationskomitee des Londoner Kongresses war dieser Auffassung beigetreten: nur die Vertreter von sozialistischen Organisationen und von. Gewerkschaften sollten an den Kongressarbeiten teilnehmen, Nicht etwa als ob die Sozialisten die Erörterung der anarchistischen Theorien scheuten. Aber sie sind der Ansicht, das die grundsätzlichen und taktischen Unterschiede zwischen Sozialismus und Anarchismus genügend klargelegt und so und unüberbrückbar sind, das ein praktisches gedeihliches Zusammenarbeiten zwischen Anhängern der einen und der anderen Richtung ein Ding der Unmöglichkeit ist. Die Zulassung der Anarchisten zu einem internationalen sozialistischen Arbeiter- und Gewerkschaftskongress würde von vornherein bedeuten, das der Kongress auf die Erledigung eines bestimmten Arbeitsprogramms verzichtet und seine Zeit uferlosen Diskussionen über den Wert oder Unwert von Theorien verbringt, über welche das Urteil der Masse des kämpfenden Proletariats seit lange feststeht. Die .anarchistischen und anarchistelnden Herren wissen das sehr genau. Wäre es ihnen „um ernste Arbeit im Dienste der Menschheit“ zu tun, so würden sie unter sich bleiben und die zu einem sozialistischen Kongress zusammentretende Gesellschaft von „Volksverrätern“, „Ehrgeizigen“ und „Herdentieren“ ihrem Schicksal überlassen. Dem ist nicht so. Allerdings kommen die Herren nicht, um an den Arbeiten des Kongresses teilzunehmen, sondern um sie zu stören und zu hindern. Ihr Sich-dem-Kongress-Aufdrängen erfolgt nicht zu dem Zwecke, mit den Sozialisten zusammen gegen die kapitalistische Gesellschaft zu kämpfen, vielmehr um zum großen Gaudium der Kapitalistensippe die Sozialisten zu bekämpfen. Naive Gemüter , die trotz der zahlreichen und beweiskräftigen Erfahrungen der Vergangenheit darüber noch im Unklaren wären, kann der Londoner Kongress belehren. Mit zähester Hartnäckigkeit suchten die Anarchisten sich dem Kongress aufzuzwingen. Schon Monate vor seinem Zusammentritt hatten für ihre Beteiligung durch Intrigen unter den englischen sozialistischen Fraktionen und Gewerkschaften Stimmung zu machen gesucht. Leider nicht ganz erfolglos. Anerkannte Arbeiterführer, wie Keir Hardie und Tom Mann, plädierten im Namen der Toleranz mit warmen Worten – allerdings aber im Gegensatz zu dem Gros der hinter ihnen stehenden Organisationen – für die Zulassung der Anarchisten. Auf die den Engländer auszeichnende große Achtung vor der Individualität und der Freiheit der Meinung und der daraus folgernden Toleranz gegen die verschiedensten Überzeugungen rechneten denn auch die Anarchisten auf der einen Seite, um ihre Absicht durchzusetzen. Andererseits auf die Unterstützung durch das holländische Antiparlamentärgeschwister, etliche italienische Konfusionsräte und ein buntes Gemisch französischer Delegierter, das zusammengewürfelt war durch den persönlichen Hass gegen einzelne Sozialistenführer, gekränkte Eitelkeit, prinzipielle Unklarheit, blinden Respekt vor der revolutionär klingenden Phrase und Liebe zum Radau. Gelegentlich der Diskussion über die Geschäftsordnung und die Berichte der Mandatsprüfungskommissionen der einzelnen Nationalitäten suchten die Anarchisten und die, welche ihnen Hand- und Spanndienste leisteten, die Beschlüsse des Züricher Kongresses umzustoßen. Nicht nur unter großem Aufwand der Schlagworte tolerant und intolerant, autoritär und freiheitlich, revolutionär und parlamentär, sondern auch mit rabulistischem Drehen und Deuteln der Züricher Resolution und Erklärung und des Begriffs der politischen Aktion. Mit besonderer Perfidie bemühten sich dabei die Anarchisten, einen künstlichen Gegensatz zwischen Sozialisten und Gewerkschaftlern zu konstruiere, erstere als Feinde der Gewerkschaftsbewegung darzustellen und letztere, zumal aber die englischen Trade Unionisten, gegen sie auszuspielen. Es war kein Kampf großen Stils, durch den die Herren ihre Zulassung zu dem Kongresse zu erringen suchten. Es war ein stets von neuem anhebendes kleinliches, ermüdendes, widerliches Geplänkel, das die Sozialisten zurückschlagen mussten. Drei Tage gingen dem Kongress in der Folge verloren, ehe der Ausschluss der Anarchisten ein endgültiger war. Gewiss ist der Zeitverlust äußerst bedauernswert. Aber der Wert der vollzogenen Klärung ist nicht zu unterschätzen Zwei Vorgänge machten sie zu einer vollständigen. In der französischen Delegation kam es über die Frage der Haltung den Anarchisten gegenüber zu einer Spaltung in zwei Sektionen – eine anarchistisch-anarchistenfreundelnde und eine strikt anti-anarchistische – zwischen denen ein Zusammenarbeiten unmöglich war, und die beide vom Kongress anerkannt wurden. Die Mehrzahl der holländischen Delegieren , welche der Nieuwenhuisschen antiparlamentären Richtung angehörten, zogen sich vom Kongress zurück, nachdem sie denselben als reformlerisch, autoritär und etliches mehr erklärt hatten.

Diese nicht weg zu deutelnde reinliche Scheidung zwischen Sozialisten und Anarchisten ist von großem Nutzen für den Emanzipationskampf des Proletariats in Ländern, wo die sozialistische Bewegung noch nicht völlig ausgereift ist, oder wo der noch nicht genügend geschulte Einzelne seinem Temperament nach zur romantischen Revolutionsspielerei, zum Schwelgen der schönen Phrase, zum ungezügelten Individualismus neigt. Zu begrüßen ist dabei, dass der Londoner Kongress durch seinen mit überwältigender Mehrheit gefassten Beschluss über die Zulassungsbestimmungen zu der nächsten internationalen Tagung das Tischtuch zwischen Sozialisten und Anarchisten klipp durchschnitten hat. Durch diesen Beschluss – der es den Anarchisten unmöglich macht, sich als „Gewerkschaftler“ einzuschmuggeln, und der den Entscheid über die von den einzelnen Nationalitäten verworfenen Mandate nicht dem Kongresse überlässt, sondern einer besonderen Kommission zuschreibt – ist allen unehrlichen Aufdrängungsversuchen der Anarchisten von vornherein ein Riege! vorgeschoben. Ungestört durch Radaubrüder aus Neigung oder von Profession kann der nächste internationale Kongress sein Arbeitsprogramm erledigen.

Die ausgedehnten Anarchistendebatten schränkten natürlich die Zeit für die Behandlung der dem Kongress vorliegenden Fragen wesentlich ein. In fünf Sitzungen hatte er über sieben Fragen zu debattiere und zu beschließen: über die Agrarfrage, die politische Aktion, die Frage der Erziehung und körperlichen Entwicklung, die Stellungnahme des Proletariats zum Krieg, die wirtschaftliche Aktion, die Herstellung festerer regelmäßiger Beziehungen zwischen der Arbeiterbewegung der verschiedenen Länder, Verschiedenes. Wohl hatten die aus Vertretern aller Nationalitäten zusammengesetzten Kommissionen die Arbeit des Kongresses ganz bedeutend erleichtert und vereinfacht. Sie hatten die zu den einzelnen Punkten eingebrachten Anträge gesichtet und gehäuft, im gründlichen Meinungsaustausch die Fragen unter den verschiedensten Gesichtswinkeln erörtert, aus Einzelheiten das Allgemeine und Wesentliche zusammengestellt und in Resolutionen festgelegt, worüber die Mehrzahl sich geeinigt hatte. In den Kommissionen waren – eine lichtvolle Illustration der viel berufenen „Intoleranz“ – die verschiedensten Strömungen der Arbeiterbewegung vertreten. Erklärlich genug haben in der Folge die Resolutionen nicht durchweg einen einheitlichen Charakter. Angesichts der wenigen dem Kongress zur Verfügung stehenden Zeit und der reichen Fülle des zu bewältigenden Stoffes war eine gründliche Erörterung der Fragen im Plenum ausgeschlossen. Sicher ist das sehr bedauerlich. Eingehende Debatten wären schon mit Rücksicht auf die Klärung der Auffassung innerhalb der verschiedenen auf dem Kongress vertretenen Richtungen von großem Nuten gewesen. Sie hätten über den Rahmen des Kongresses hinaus propagandistisch gewirkt.

Aber im Großen und Ganzen kann das Proletariat auf die diesbezüglichen Kongressarbeiten mit Befriedigung und Genugtuung blicken. Die gefassten Beschlüsse entsprechen im Allgemeinen durchaus der sozialistischen Auffassung, und dass diese Beschlüsse in England, unter der Mitwirkung der für so konservativ und sozialistenfeindlich geltenden englischen Trades Unions zustande gekommen sind, beweist allein schon den enormen Fortschritt der sozialistischen Arbeiterbewegung. Wohl sind in den Verhandlungen hier und da Meinungen zu Tage getreten, welche zeigen, das die Arbeiterbewegung noch nicht überall gleichmäßig gereift und geklärt ist. Wohl wird das auch durch manche Einzelheit in den Resolutionen bestätigt. Aber die Bedeutung der internationalen Kongresse liegt auch nicht in erster Linie in der tadellosen Fassung von Resolutionen. Vielmehr in der Anregung zu einer kräftigen und einheitlichen Aktion des Proletariats auf der ganzen Linie und in bestimmter Richtung. Vielmehr in dem persönlichen Zusammentreffen, miteinander Arbeiten, dem wechselseitigen Meinungsaustausch von Kämpfern aus allen Ländern, wo die Arbeit ihre Befreiung erstrebt. Dass der Londoner Kongress in der einen und der anderen Richtung fruchtbar für den proletarischen Klassenkampf gewirkt hat, wird die Zukunft, die Entwicklung und Aktion der Bewegung in den einzelnen Ländern zeigen. Das wird insbesondere schon der nächste internationale Kongress bestätigen, der in vier Jahren in Deutschland zusammentreten soll, und für dessen Arbeiten freie, ruhige Bahnen geschaffen zu haben nicht das geringste Verdienst der stattgehabten Beratungen ist. Der Arbeit zum Schutz, dem Kapitalismus zum Trutz trat der Londoner Kongress zusammen. Der Arbeit zum Schutz, dem Kapitalismus zum Trutz werden seine Resultate gereichen. In energischer, zielbewusster Aktion, den Kongressbeschlüssen entsprechend, steht das Proletariat in brüderlicher Solidarität allenthalben auf dem Plan, unbekümmert um die Feinde von rechts und von links, seinem Wahlspruch getreu: „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“


Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert