August Bebel: Dritte Reichstagsrede zur Abänderung der Gewerbeordnung

(64. Sitzung, Donnerstag den 12. Februar 1891)

[Nr. 1208. Stenografische Berichte über die Verhandlungen des Reichstags. 8. Legislaturperiode. I. Session 1890/91. Dritter Band. Berlin 1891, S. 1462-1463]

Präsident: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Bebel.

Abgeordneter Bebel: Dem Herrn Vorredner möchte ich bemerken, dass, wenn er sagt, wir handeln als Partei in unserem Parteiinteresse, wir genau das tun, was seine Partei ebenfalls tut. Jede Partei handelt in ihrem eigenen Interesse, so, wie sie glaubt, handeln zu müssen. Anders zu handeln, wäre Torheit. Die Frage ist nur die, ob wir mit unserer Stellungnahme im Interesse der Arbeiter handeln. Über diese Frage hat weder Herr Dr. Böttcher noch wir die Entscheidung, sondern die deutschen Arbeiter, und deren Urteil sehen wir mit großer Ruhe entgegen.

Wenn er ferner gesagt hat, wir dürften für dieses Gesetz nicht stimmen, weil wir damit die Unzufriedenheit der Arbeiter aus der Welt schafften, von der wir lebten, so kann ich ihm nur sagen: es wäre um die Sozialdemokratie allerdings sehr übel bestellt, wenn ihre Existenzfähigkeit von Gesetzen wie dieses abhängen sollte.

(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.)

Wenn dieses Gesetz in der allerverbessertsten Form, die wir ihm wünschen, angenommen wird, Herr Dr. Böttcher, dann haben wir noch so ungeheuer viel Wünsche an die gegenwärtige Gesellschaft

(Heiterkeit),

dass wir mit diesen Wünschen noch sehr viel Unzufriedenheit in den Kreisen der Arbeiterschaft erwecken können und damit den schönsten Boden schafften für die Ausbreitung unserer Ideen. Seien Sie also außer Sorge! An Stoff für Unzufriedenheit lassen Sie es nicht fehlen.

(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.)

So lange Sie existieren, wird dieser Stoff vorhanden sein, erst wenn Sie verschwinden als herrschende Klasse, werden die Arbeiter zufrieden sein.

(Heiterkeit.)

Aber, meine Herren, Sie könnten uns ja mit Leichtigkeit in Verlegenheit bringen und uns auf die Probe stellen. Nehmen Sie unsere Anträge an! Wir verlangen doch nichts Unrechtes. Ich mache mich anheischig, bei jedem Antrage, den wir gestellt haben, zu beweisen, dass in der einen oder anderen Form ähnliche Bestimmungen in anderen Kulturstaaten, in der Schweiz, in England, in Amerika, in Frankreich, selbst in Österreich mehr oder weniger bestehen. Es gibt nicht einen einzigen Paraphen, den wir beantragt haben, für den sich nicht irgendwo ein Beispiel aus einem der genannten Staaten anführen ließe.

Was uns an diesem Gesetzentwurf missfällt, darüber werden wir uns später unterhalten; das eine aber will ich jetzt schon Herrn Dr. Böttcher gegenüber bemerken: er irrt sich ganz gewaltig, wenn er glaubt, wir könnten für ein Gesetz stimmen, dass Bestimmungen wie § 119 a, § 125, § 134 und wie die geplanten Abänderungen in § 153 enthalten soll. Nie und nimmer! Da würde man uns in den Kreisen der deutschen Arbeiter steinigen, und meiner Auffassung nach mit Recht.

(Heiterkeit.)

Dem Herrn Freiherrn von Stumm nur eine kurze Bemerkung. Ich will ihm recht gern das Zeugnis ausstellen, dass er hier im Hause für das Prinzip des Verbots oder der Beschränkung der Sonntagsarbeit eingetreten ist; aber das Maß, in dem er diese Beschränkung will, unterscheidet sich von dem, was wir auf diesem Gebiete wünschen, sehr bedeutend. Darin besteht der Unterschied zwischen ihm und uns; das war, was ich vorher in meinen Ausführungen gegen ihn ausdrücken wollte und, wie ich glaube, auch aus gedrückt habe.

Wenn er weiter ausgeführt hat, es sei ein Antrag von ihm im Jahre 1878, darauf hinausgehend, das Verbot der Sonntagsarbeit auszusprechen, durch unsere Stimmen gefallen, so bin ich im Augenblick außer Stande, aus meinem Gedächtnis mir klar zu machen, um welchen Antrag es sich gehandelt hat, oder was die Tragweite dieses Antrags war. Das eine aber steht fest: wenn der Antrag einigermaßen nach unserem Sinne gewesen wäre, hätten wir sicher dafür gestimmt, auch wenn er von Herrn Freiherrn von Stumm kam. Wahrscheinlich war aber der Antrag so, dass wir glaubten, nicht für ihn stimmen zu können, und das war der Grund, weshalb damals von uns dagegen gestimmt worden ist.


Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert