Franz Mehring: Mit einem blauen Auge

[Die Neue Zeit, XIX. Jahrgang 1900-1901, II. Band, Nr. 35, S. 258-260]

f Berlin, 29. Mai 1901

Wenn je ein Entschluss der deutschen Regierung auf den allgemeinen Beifall der deutschen Nation rechnen konnte, so ist es die beginnende Liquidation des chinesischen Abenteuers Die beginnende Liquidation, denn es wäre eine verhängnisvolle Selbsttäuschung, zu glauben, dass mit der Rückkehr des Grafen Waldersee und der deutschen Truppen, wenigstens in ihrer Masse, das chinesische Abenteuer wirklich schon liquidiert sei. Es wird noch sehr peinliche und vielleicht selbst sehr verhängnisvolle Folgen haben. Aber immerhin wird es als eine Erleichterung empfunden, dass die Vernunft wieder anfängt, mitzusprechen in diesen Dingen, die seit Jahr und Tag der ausgesuchteste Tummelplatz der baren Unvernunft waren, dass die geniale Chinapolitik einstweilen mit einem blauen Auge davongekommen ist.

Mit der „Gloire“, die der Weltmarschall Waldersee zurückbringt, sieht es sehr mager und mehr als nur mager aus; er kehrt nicht nur im äußerlichen Sinne des Wortes abgebrannt heim. Der gloriose „Oberbefehl“ ist zu einer internationalen Blamage für das Deutsche Reich geworden, von seinem Ursprung an, über den noch immer der klaffende Widerspruch zwischen der deutschen und der russischen Angabe besteht, bis zu seinem Ende, das in all seiner Ruhmlosigkeit eine so tragikomische Parodie bildet auf die ruhmredigen Verheißungen, womit der „erste Soldat“ des deutschen Heeres samt seinem Asbesthaus und seinem Koch auszog. So wenig wie der Feldherr selbst, hat sein Heer Lorbeeren geerntet, auch wenn man den Begriff der Lorbeeren nur in den einseitigsten Bulletinstil fasst; man hat eine Menschenjagd getrieben, deren Gefahr im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Hässlichkeit stand; die Hunnentaten sind dadurch nicht aus der Welt geschafft, dass man die Staatsanwälte gegen die Hunnenbriefe mobil macht.

Bei alledem jedoch –– ein Anfang zur Besserung ist geschehen; man bricht das Abenteuer ab, ehe es zur vollständigen Niederlage geführt hat, und das Gefühl frohen Aufatmens stimmt unwillkürlich auch das kritische Urteil über die Vergangenheit milder. Es ist hinlänglich dafür gesorgt, dass dies Urteil die gebührende Schärfe wieder erlangen wird, wenn die Nachwehen des traurigen Handels sich einstellen. Sie werden es nicht an sich fehlen lassen; keine Schulden werden so pünktlich einkassiert, wie die Wechsel, die der Unverstand der Herrschenden auf die Geduld der Beherrschten zu ziehen pflegt. Der Anfang der vielgepriesenen „Weltpolitik“ hat alles bestätigt, ja noch alles übertroffen, was ihre Gegner vorhergesagt haben; er ist über die Maßen kläglich gewesen und hat mit grausamer Vollständigkeit alle Kehrseiten der kapitalistischen Zivilisation enthüllt. Das war nach allen Lehren der Geschichte mit sozusagen mathematischer Sicherheit vorauszusehen, und der Ruhm des Prophezeiens mag in diesem Falle nicht weit her sein; um so notwendiger ist dann aber die Erinnerung daran, sich durch das Gefühl der augenblicklichen Erleichterung nicht einschläfern zu lassen in dem grundsätzlichen Widerstand gegen die überseeischen Abenteuer, die in der Tat nur eine Weltspielerei sind, wenn auch keine harmlose und kindliche Spielerei.

Man hat von der Barmherzigkeit gesagt, dass sie im eigenen Hause beginnen solle, aber man könnte dasselbe auch von der Weltpolitik sagen, die unter den besitzenden Klassen des Reichs grassiert. In Asien und Afrika den großen Herrn spielen, ohne deren Erlaubnis kein Kanonenschuss abgefeuert werden dürfe, und dann in Berlin nicht einmal mit dem abgewirtschafteten Häuflein ostelbischer Junker fertig zu werden – das ist kaum noch tragikomisch, sondern einfach komisch. Höchst bezeichnend war in dieser Beziehung der ein paar Wochen lang geführte Streit über die Frage, ob Graf Bülow das preußische Abgeordnetenhaus aufzulösen beabsichtige oder nicht. Gewiss, wenn der Reichskanzler mit der agrarischen Kanalfronde ernsthaft anbinden wollte, so hätte die Auflösung seine erste Maßregel sein müssen, – eben weil er nicht auflöste, sondern sich damit begnügte , das Abgeordnetenhaus nach Hause zu schien, lud er den Schein schwächlicher Unentschlossenheit auf sich und verschaffte den Junkern einen Triumph, den sie aus guten Gründen in ihr Gewinnkonto schreiben konnten, wenn sie auch aus nicht minder guten Gründen so taten, als hätten sie keinen besonderen Erfolg davongetragen. Gerade aber die liberalen Blätter, die sich noch immer nicht abgewöhnen können, im Grafen Bülow einen staatsmännischen Heros zu erblicken, feierten ihn deshalb, dass er das Abgeordnetenhaus nicht aufgelöst habe, dass er nicht in die Falle getappt sei, die ihm Herr v. Miquel mit dem Vorschlage gestellt habe, neue Wahlen auszuschreiben. Auch jetzt, wo das Gerücht auftauchte, die preußische Geldsackvertretung solle der Prüfung einer Neuwahl unterworfen werden, erhoben sich mancherlei Unkenstimmen, speziell aus den bürgerlichen Kreisen, die von der Junkerherrschaft nichts wissen wollen, und warnten vor einem Schritte, der den Junkern noch mehr Oberwasser geben würde, als sie tatsächlich schon hätten.

So ist die innere politische Situation in einem unlöslichen Widerspruch festgefahren: soll der junkerliche Übermut eingedämmt werden, so muss die parlamentarische Hochburg gebrochen werden, die sich das Junkertum im Abgeordnetenhaus errichtet hat; sowie aber nur ein vages Gerücht auftaucht, dass die Spitzhacke an das feudale Gemäuer gesetzt werdet soll, erheben die bürgerlichen Junkerfeinde das Angstgeschrei: Spielt um Gotteswillen nicht so mit dem Feuer, sonst werdet ihr euch die Finger gehörig verbrennen. In diesem unlöslichen Widerspruch spiegelt sich die vollkommene Verkehrtheit der Zustände, in denen wir zu leben verdammt sind. Will Graf Bülow das preußische Abgeordnetenhaus auflösen, so muss er auf einen rücksichtslosen Kampf mit dem Junkertum gefasst sein, zu dem ihm alle Waffen fehlen, solange die Junker in der Militär- und Zivilverwaltung die entscheidenden Posten besetzt halten; Graf Bülow müsste also mit einem großen Reinemachen in der preußischen Bürokratie beginnen; wie wenig die Junker durch gelegentliche Maßregelungen zu schrecken sind, haben sie ja gerade in dem Kanalfeldzug bewiesen. Für solch Reinemachen ist aber Graf Bülow nicht der Mann; kein ostelbischer Junker hackt seiner Klasse die Augen aus, und selbst wenn Graf Bülow die weiße Krähe wäre, die wirklich mit den schwarzen Krähen anbinden wollte, so geht es ganz über seine Kräfte, die Staatsverwaltung von den junkerlichen Elementen zu reinigen. Ein einzelner Minister, und besäße er selbst die Riesenkräfte, die Bismarck nach der politischen Legende besessen haben soll, kann nicht so im Handumdrehen eine Geschichte von vier Jahrhunderten rückwärts revidieren.

Von den liberalen Blättern und Politikern aber sind diejenigen, die den Grafen Bülow bewundern, jedoch nichts davon wissen wollen, dass er das Abgeordnetenhaus auflösen soll, immer noch pfiffiger, als diejenigen, die nach der hergebrachten Litanei Eugen Richters behaupten, die Regierung brauche bloß den kleinen Finger zu rühren, um die Zahl der junkerlichen Mandate so zusammenschrumpfen zu lassen, dass die ganze konservative Fraktion in einer Droschke genügenden Platz fände. Dies Witzchen hat sich Eugen Richter aus der preußischen Konfliktszeit als letzten Trost in allem politischen Kummer gerettet, wie er es ja auch dem dämonischen Wirken der preußischen Polizei zuschreibt, dass eine deutsche Sozialdemokratie entstanden ist. Der Unterschied zwischen der preußischen Konfliktszeit und unseren Tagen besteht nur darin, dass es damals eine große liberale Partei gab, die so ziemlich die ganze Bevölkerung hinter sich hatte, an deren Charakter und Talent die Massen glaubten, deren Worte trost- und verheißungsreich genug klangen, vorausgesetzt, dass Taten hinter ihnen standen. Wie dieses reiche Erbe verschleudert worden ist, liegt vor Aller Augen; sich einzubilden, dass der preußische Liberalismus gegen den preußischen Feudalismus heute ausrichten könnte, was er in der preußischen Konfliktszeit wenigstens ausrichten zu können schien, heißt der heitersten aller Illusionen verfallen.

So bitter, wie in unseren Tagen am Liberalismus, hat sich prinziploses Hin-und-Her-Fackeln selten an einer politischen Partei gerächt. Ein freisinniges Blatt „glaubt“ zu wissen, dass der Kaiser keineswegs davor zurückschrecken würde, ein freisinniges Ministerium zu berufen. Was es mit diesem „Glauben“ auf sich hat, können und mögen wir nicht untersuchen, aber in der Tat, wenn einmal mit dem ostelbischen Junkertum ein ernsthafter Tanz versucht werden sollte, so sind die preußischen Liberalen die Nächsten dazu. Allein wo nichts ist, da hat auch der Kaiser sein Recht verloren. Wo sind die Charaktere, wo sind die Talente, wo sind die Massen, die ein freisinniges Ministerium bilden und unterstützen könnten? Den liberalen Blättern, die den Grafen Bülow wegen seiner Konnivenz gegen das Junkertum angreifen, kann der deutsche Reichskanzler und preußische Ministerpräsident achselzuckend erwidern? Was könnt ihr arme Teufel bieten? Die um Rickert sind darin schlauer, als die um Richter; sie vertreten das eigentlich große Kapital, das den feinsten, kapitalistischen Instinkt hat; für große Staatsmänner halten sie sich freilich durch die Bank, aber dass sie keine Massen mehr auf die Beine bringen können, wissen sie recht gut, und deshalb scheuen sie ein offenes Handgemenge mit dem ach! so rücksichtslosen Junkertum. Sie wollen von einer Auflösung des Abgeordnetenhauses nichts hören und gefallen sich in der Vergötterung der „leitenden Staatsmänner“, die, der Himmel weiß wie, das tausendjährige Reich des Kapitalismus herstellen sollen. Sie werfen sich dem Grafen Bülow an den Hals, wie früher dem Grafen Caprivi und dem Fürsten Hohenlohe.

Möglich, dass es trotzdem zu einer Auflösung des preußischen Abgeordnetenhauses kommt, in irgend einem impulsiven Moment, der ganz unberechenbar ist; gewiss, dass die Maßregel, wenn sie erfolgen sollte, nicht den Beginn einer klaren und konsequenten Politik gegen das Junkertum bedeuten würde. Sie wäre ein gewagtes Spiel, bei dem der mögliche Gewinn in gar keinem Verhältnis stehen würde zu dem möglichen Schaden, in ihrer Art ein so gewagtes Spiel wie das chinesische Abenteuer Die Regierung müsste froh sein, wenn sie mit einem blauen Auge davonkäme, Sieht man von den rein persönlichen und deshalb ganz unberechenbaren Einfällen ab, so wird die nächste Zukunft keine großen Überraschungen bringen; unter dem heftigen Geraufe der besitzenden Klassen um den größtmöglichen Anteil an dem von den arbeitenden Klassen produzierten Mehrwert ächzt und knarrt die Staatsmaschine weiter, wie nun schon seit so manchem Jahre. Alles, was die Regierung an Energie und Intelligenz besitzt, wird aufgeboten werden, um einen Kompromiss zu erzielen, der die Junker halbwegs befriedigt, ohne der Bourgeoisie allzu wehe zu tun; auf diesem Wege wird der Karren in den nächsten Monaten fort zu rumpeln versuchen, woran auch irgend eine plötzliche Überraschung, wenn sie wirklich eintreten sollte, auf die Dauer nichts ändern würde.

Es ist sicher, dass diese Politik der „starken Regierung“ einmal ein Ende mit Schrecken nehmen muss, aber nichts spricht leider dafür, dass die nächste Zukunft schon große Entscheidungen bringen wird. Man wird daher gut tun, die Kunde von den himmelstürzenden Taten, die Graf Bülow vorbringen kann oder soll, mit größter Gelassenheit aufzunehmen; eine Weile mag es wohl noch bei seinem Ruhmestitel bleiben, immer nur gerade mit einem blauen Auge davonzukommen, sei es im Kampfe mit den chinesischen Boxern, sei es im Kampfe mit den gemeingefährlichen Boxern diesseits der Elbe.


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