[Die Neue Zeit, X. Jahrgang 1890-91, I. Band, Nr. 14, S. 417-420]
f Berlin, 21. Dezember 1891
Vor etwas über zwei Jahren wurde in unserem Nachbarstädtchen Spandau zur 350jährigen Gedenkfeier der sogenannten „märkischen Reformation“ ein Standbild. des Kurfürsten Joachim Il. errichtet, Zu den Kosten desselben hatte u. A. die Stadt Berlin zehntausend Mark beigesteuert, nachdem ein leiser, in der Stadtverordnetenversammlung erhobener Widerspruch mit den üblichen Hinweisen auf die „große nationale Tat“ Joachims II., auf den „großen Wert,“ – den man an „hoher Stelle“ auf das Denkmal lege usw., niedergeschlagen worden war. Ein anderweitiger Widerspruch erhob sich in der Presse, indem ein hiesiges, damals demokratisches Organ in einer Reihe von geschichtlichen Aufsätzen nachwies, dass die „märkische Reformation,“ fern von allen idealen oder auch nur ideologischen Motiven nichts anderes gewesen sei, als eine Plünderung des märkischen Kirchenguts durch den leichtfertigen und verschwenderischen Kurfürsten Joachim II. Natürlich wurde auch dieser Widerspruch mit der obligaten patriotischen und sittlichen Entrüstung niedergeschmettert; insbesondere schrieb die fromme und ritterliche „Kreuz-Zeitung“: „Wir dürfen uns darüber nicht wundern, das auch Joachims Tat, wie jede edle Tat, von nichtswürdigen Buben begeifert worden ist. Es fehlt nie an jener Sorte von Leuten, die jenen Tieren gleichen, denen es der höchste Genuss ist, mit der Schnauze im Schmutze zu wühlen.“ Das damals angegriffene Blatt begnügte sich, dieser seiner liebenswürdigen Kennzeichnung das Urteil Friedrichs II. über die „märkische Reformation“ entgegenzusetzen. Friedrich II. erkannte an, dass „die Fürsten im Norden“ Luther und seinen Genossen „unstreitig große Verbindlichkeiten schuldig seien. Denn,“ – so sagt er in einem Briefe an Voltaire (Œuvres 21, 64): – „diese übrigens armseligen Leute haben sie von dem Joche der Priester befreit und durch die Säkularisation der Kirchengüter ihre Einkünfte beträchtlich vermehrt.“ Und ähnlich sagt er an einer anderen Stelle (Œuvres 1, 18): „Wenn man die Bewegung auf ihre einfachen Prinzipien zurückführen will, so war sie in Deutschland ein Werk des Interesses. … Kurfürst Joachim II. erlangte durch die Kommunion unter beiderlei Gestalt die Bistümer Brandenburg, Havelberg und Lebus.“
Derweil beliebt es nun aber der „Kreuz-Zeitung, “ ihrem tragischen Kampf für das glorreiche Andenken Joachims II. ein Satyrspiel folgen zu lassen, dem man den Titel geben könnte: „Judenhass und Reue.“ sie veröffentlicht nämlich eben eine Reihe von Aufsätzen, und zwar „nach archivalischen Quellen“ über den „Prozess des Juden Lippold.“ Dieser Jude war der Hof-, Münz- und Wucherjude Joachims Il., und die „Kreuz-Zeitung“ will nachweisen, das er von dem Nachfolger Joachims in aller Form Rechtens wegen – Zauberei verbrannt worden sei. Über diesen Nachweis mag sich die „Kreuz-Zeitung“ mit irgend einem kapitalistischen Philosemiten auseinandersetzen; uns kümmert das hier weiter nicht. Dagegen interessieren uns sehr folgende Sätze in den betreffenden Aufsätzen des konservativen Blattes : „Er (nämlich Joachim II.) brauchte Geld und wieder Geld. Wohl fiel ihm in dem märkischen Kirchengute ein ganz kolossaler Besitz zu. Joachim hat von diesem immensen Schatze auch nicht einen Pfennig für Kirchen und Schulen bestimmt“ (diese Worte sind von der „Kreuz-Zeitung“ selbst gesperrt gedruckt); „er hat das gewaltige Erbe der Vorzeit ausschließlich zur Deckung seiner Schulden und zur Befriedigung seiner Lüste verwandt; seine „Legationen und Rüstungen“ mussten die Stände stets noch besonders bezahlen. Und trotz alledem war der leichtlebige Herr in steter Geldverlegenheit; er brauchte eben die Juden. … Das Beispiel, welches Joachim Il. seinem Volke gab, war – die Wahrheit muss gesagt werden – das denkbar schlechteste. Seine Finanzwirtschaft, seine Verschwendungssucht, seine anderweitigen sittlichen Unzulänglichkeiten wirkten vergiftend auf den Hofadel der Mark und das dem Fürsten gleich nahestehende höhere Bürgertum, den sogenannten Patriziat von Berlin, ein.“ Es wird dann weiter erzählt, wie der Jude Lippold diese sittliche Fäulnis in klingendes Metall umzumünzen verstand, indem er den „altberliner Geschlechtern“ gegen 50 Prozent Zinsen Vorschüsse machte, und auch – auf anderem Wege. „So fehlte ihm beispielsweise im Jahre 1567 das nötige Metall zur Ausprägung neuer Münzen. Er erwirkte daher beim Kurfürsten eine Vollmacht, bei achtzehn angesehenen Berliner Bürgern „einen Einfall tun zu dürfen, um ihnen das vorgefundene Gold und Silber abzunehmen.“ Expropriation der Expropriateure?
Bezeichnend für die fromme „Krenz-Zeitung“ ist das Urteil, welches sie über das ehebrecherische Treiben des Kurfürsten fällt: „Richte man ihn nur nicht nach pharisäischen Grundsätzen! Bedenke man die kraftvolle Körperbeschaffenheit des erst 46jährigen Herrn und den übermäßigen Fleisch-, Wein- und Gewürzgenuss jener Tage; bedenke man endlich auch die Anschauungsweise einer Zeit, in welcher „Zoten und Zötlein“ fast die alleinigen Unterhaltungsstoffe selbst in gemischter Gesellschaft und bei fürstlicher Tafel waren.“ Bedenke man – wahrhaftig! Um so „pharisäischer“ geht es natürlich über die Hauptsündengenossin des Kurfürsten her, „Die Gießerin war eine echte Hetäre, frech, aufdringlich – Joachim musste sie zum Beispiel einmal sogar von einer Hofjagd im Grunewald verweisen, zu welcher sie erschienen war – und, wie alle diese Damen, goldgierig und berechnend klug.“ Schrecklich, das die Sünderin den Sünder bei einer „Hofjagd“ aufzusuchen wagt! Doch es mag an diesen Einzelheiten genug sein; das zusammenfassende Urteil der „Kreuz-Zeitung“ über Joachim Il. lautet: „Der geschichtlichen Wahrheit – und sie geht uns über Alles – entspricht es durchaus nicht, diesen Kurfürsten als den Reformator der Mark aufzufassen.“ Und damit Punktum, wenigstens für uns, denn der Handel der „Kreuz-Zeitung“ mit dem Juden Lippold geht uns, wie gesagt, weiter nichts an. Nun ist es zwar nicht richtig, das die „Kreuz-Zeitung“ aus Liebe zur geschichtlichen Wahrheit ihre zerstörenden Schläge gegen das Standbild in Spandau führt – sie tut es vielmehr nur aus Judenhass –, aber der geschichtlichen Wahrheit hat sie allerdings einen Dienst geleistet, den anzuerkennen um so dringenderer Anlass gegeben ist, als sie bald genug von Reue ergriffen werden und alles widerrufen wird. Jeder Kenner der Reformationsgeschichte weis, wie richtig Friedrich I. den Übertritt der deutschen Fürsten zur protestantischen Kirche als ein „Werk des Interesses“ gekennzeichnet hat, aber wenn der Wechsel des Glaubens sich anderwärts wenigstens ein ideologisches Mäntelchen zuschnitt, so verzichtete er gerade in dem Staate mit dem „providentiellen, protestantischen Berufe“ selbst darauf. Nachdem die Hohenzollern aus Gründen des materiellen Interesses – sie hatten bekanntlich jenen Ablasshandel eingefädelt, welcher Luthers Thesen veranlasste – nahezu ein Menschenalter die reformatorische Bewegung grimmig bekämpft hatten, wechselte Joachim II. wesentlich aus zwei Gründen diese Politik, Erstens hatte er in den ersten fünf Jahren seiner Regierung die für die damalige Zeit ungeheure Schuldenlast von sechsmalhunderttausend Talern aufgehäuft, für deren Tilgung er gar keine andere Aussicht hatte, als die Plünderung der geistlichen Güter. Zweitens aber wünschte er von seinem Schwiegervater, dem Könige von Polen, die Mitbelehnung für den ehemaligen Ordensstaat und das nunmehrige, von einem fränkischen Hohenzollern als polnisches Lehen säkularisierte Herzogtum Preußen zu erhalten. Dieser Teil der zu lösenden Aufgabe war ganz besonders kitzlig, König Sigismund von Polen war nämlich ein eifriger Katholik, und der offene Übertritt seines Tochtermannes zum Protestantismus würde ihn so erbittert haben, das er demselben die Mitbelehnung für Preußen rundweg verweigert haben würde. Auf der anderen Seite aber hatte die Mitbelehnung überhaupt keinen Sinn, wenn Joachim II. nicht Protestant war, denn mit einem der katholischen Kirche geraubten Lande konnte sich natürlich kein katholischer Fürst belehnen lassen. Wollte also Joachim II. Herzog von Preußen werden, so musste er der katholischen Kirche treu bleiben; wollte er es sein, so musste er zur protestantischen Kirche übertreten.
Es ist die Lösung dieses kuriosen Dilemmas, welches im neuen Deutschen Reiche als „eine große, nationale Tat“ mit der Errichtung kostspieliger Denkmäler geehrt und von den wohlweisen Stadtvätern der deutschen Hauptstadt mit einer erheblichen Anzapfung der städtischen Steuerzahler dankbar gefeiert wird. Die Lösung erfolgte aber in der Art, dass Joachim II. an seinen Schwiegervater schrieb, „er denke nicht daran, sich von der katholischen Kirche zu trennen oder die bischöfliche Würde abzuschaffen,“ und gleichzeitig, heimlich wie ein Dieb in der Nacht, das Abendmahl in beiderlei Gestalt ohne seine Gemahlin in der Nikolaikirche zu Spandau nahm. Und zwar so heimlich, dass, als am 1. November 1889 sein Standbild vor der Tür dieser Kirche enthüllt wurde, noch nicht einmal ein urkundliches Zeugnis für die gefeierte Tatsache aufzutreiben gewesen war; nur durch mittelbare Schlüsse aus anderweitigen Nachrichten hatte man es bis dahin wahrscheinlich gemacht, das Joachim Il. an dem 1. November 1539 wirklich das Abendmahl in beiderlei Gestalt genommen hat. Erst ganz neuerdings ist im Geheimen Staatsarchiv ein Schreiben Joachims Il. an seinen Bruder, den Markgrafen Hans von Küstrin, 4. d. Cöln an der Spree, Mittwochs nach Martini (14. November) 1539 gefunden worden, in welchem er zwar auch nicht Ort und Datum, aber doch die Tatsache seines Übertrittes mitteilt, und zwar an fünfter Stelle, nachdem er erst vier andere Mitteilungen über die Privilegien von Frankfurt a. O., die Netkowsche Fähre, eine erbetene Schuldfrist und einen „Ochsenzoll“ nach der Lausitz gemacht hat. Nach diesem urkundlichen Funde sollte Joachim II. in den preußischen Schulbüchern, die ja augenblicklich in Bezug auf die „geschichtliche Wahrheit“ über die Hohenzollernfürsten einer gründlichen Umarbeitung unterzogen werden, nicht mehr, wie bisher, den Beinamen „Hektor, “ sondern den noch ehrenvolleren Beinamen „der Bescheidene“ führen. Denn wenn er den „weltgeschichtlichen Wendepunkt,“ dessen Urheber er war, erst hinter die Netkowsche Fähre und den Lausitzer Ochsenzoll rangierte, so verriet er jedenfalls eine rührende Bescheidenheit.
Die „protestantische“ Politik Joachims, die dem eben geschilderten Anfange durchaus entsprach, weiter zu verfolgen, würde an dieser Stelle zu weit führen. Wir haben nur noch einige Bemerkungen zu den Geständnissen der „Kreuz-Zeitung“ zu machen. Das größte Verdienst derselben besteht darin, endlich einmal „nach archivalischen Quellen“ festgestellt zu haben, das Joachim II. wirklich das ganze Kirchengut „sündlich verprasst“ hat, wie Herr von Treitschke sagen würde, wenn es sich um einen Habsburger oder Wettiner handelte, An der Tatsache selbst war zwar längst mehr kein ernsthafter Zweifel gestattet; die Aufträge, welche die von Joachim II. behufs der „Kirchenreform“ niedergesetzte „Visitationskommission“ erhielt, gingen dahin, „in einer Stadt oder einem Kloster ihren Aufenthalt zu nehmen, die Klerisei dorthin zu berufen, zunächst nach dem baren Gelde zu forschen, nicht nur bei Äbten und Äbtissinnen, sondern auch bei jedem Ordensmitgliede, und das vorgefundene Geld in einer Lade nach Berlin zu senden, die schlüssel aber dem Abte oder der Äbtissin zu überlassen. In der gleichen Weise solle mit den Schuldbriefen und den Gold- und Silberschlägen verfahren werden, die Hauptaufgabe der Visitationen aber solle die Aufzeichnung der geistlichen Lehen und des kirchlichen Grundbesitzes und die Übergabe der unbeweglichen Klostergüter an die kurfürstlichen Amtleute zur Verwaltung sein.“ . Allein so klar diese „Artikel belangende der Kirchen und geistlichen Güter“ ihrem Zweck nach waren, so werden die Protokolle der „Visitationskommission“ über die Ausführung ihrer Aufträge doch von dem Geheimen Staatsarchive als strenges Geheimnis gehütet, und auch der neueste Jubiläumsschriftsteller der „märkischen Reformation,“ Professor Heidemann, geht mit geschlossenen Lippen „aus Mangel an Raum“ an ihnen vorüber, obgleich er anerkennt, das sie „bedeutsame Aufschlüsse über den Umfang und den Verbleib der kirchlichen Güter und Kapitalien in der Mark“ enthalten. Bei solcher Lage der Dinge hat sich die „Kreuz-Zeitung“ wirklich ein großes Verdienst erworben, wenn sie nach den ihr zugänglichen „archivalischen Quellen“ feststellt, das Joachim Il. das gesamte Kirchengut für liederliche Frauenzimmer und wüste Prassereien vergeudet hat.
Das Verdienst der „Kreuz-Zeitung“ erstreckt sich aber nicht nur auf die geschichtliche Forschung, sondern auch auf den tagespolitischen Kampf. Das konservative Blatt hat an einem schlagenden Beispiele jenes infame Byzantinertum im neuen Deutschen Reiche aufgedeckt, von dem jüngst an dieser Stelle gesagt wurde, das es seinesgleichen eben nur noch im byzantinischen Reiche gehabt habe, Einem Fürsten, wie diesem Joachim Il., ein öffentliches Denkmal aus öffentlichen Mitteln als einem Vorkämpfer der „Geistes- und Gewissensfreiheit“ und der Himmel weiß, welcher schönen Dinge sonst noch, zu errichten, das ist nur in Deutschland möglich. Und nicht einmal der leiseste Protest ertönte aus dem ganzen offiziellen Reiche. Mit der ehrbarsten Miene von der Welt beteiligten sich selbst die Vertreter der ersten deutschen Hochschule an der Enthüllung des Denkmals, obgleich sie vor Anderen wussten, wie es damit bestellt war; erst als ein Jahr darauf in privaten Kreisen zu einem kleinen Denkmal für den Dichter Hamerling gesammelt wurde, erhob einer von diesen würdigen Männern – Herr Erich Schmidt, noch dazu ein Lessing-Biograf! – seine schallende Stimme gegen die Denkmalswut im Allgemeinen und gegen das Denkmal eines Dichters von „Revolutionstragödien“ im Besonderen.
Um so besser, das die „Kreuz-Zeitung“ endlich wieder den richtigen Weg gefunden und gleich frisch Hand ans Werk gelegt hat. Ihres Zornes Müh‘ war auch keineswegs umsonst, denn sie hat . das Denkmal Joachims II. in Spandau gründlicher zerstört, als die Pariser Kommune die Vendôme-Säule zu zerstören vermochte.
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