Clara Zetkin: Die russischen Revolutionärinnen

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 2. Jahrgang [wenn man die „Arbeiterin“ mitzählt] Nr. 1, 11. Januar 1892, S. 14-15]

In der Geschichte der Kämpfe für Volkswohl und Volksfreiheit verdienen die Russinnen ein besonderes Blatt, auf dem in goldenen Schriftzügen die Namen von Hunderten und Hunderten von jungen Mädchen und Frauen zu verzeichnen sind, die, weil sie eine bessere, schönere Zukunft für Alle geträumt, weil sie mit einem Mut, einer Opferfreudigkeit ohne Gleichen für dieses ihr Ideal gekämpft haben, mit vorzeitig aufgeriebenen Kräften ins Grab sanken, nach Sibiriens Eiswüsten verschickt wurden, hinter Kerkermauern im Wahnsinn oder durch Selbstmord endeten, am Galgen ihr Leben aushauchten oder als Flüchtlinge fern von der Heimat ein freudloses, entbehrungsreiches Leben führen.

Die Russinnen, welche zuerst in die revolutionäre Bewegung eintraten, hatten meist schon einen Kampf geführt, den Kampf für die Emanzipation der Frau, den Kampf zumal für die gleiche Ausbildung, die gleiche Berufstätigkeit des weiblichen und männlichen Geschlechts. In Folge der Weite und Schärfe ihrer Auffassung, der rücksichtslosen Kritik, welche sie an Alles legten, vor der kein Vorurteil, so altersgrau und heilig es sein mochte, bestehen konnte, in Folge des leidenschaftlichen Bestrebens, in allen menschlichen und gesellschaftlichen Beziehungen die Wahrheit zu suchen, in Folge der tiefen Liebe zu dem unglücklichen, von einer despotischen Regierung geknechteten und verdummten, von einem spitzbübischen Beamtentum bis aufs Mark ausgesaugten Volke, in Folge ihres heißen Wunsches, diesem Erlösung zu bringen, standen sie schon damals hoch über dem Durchschnitt unserer bürgerlichen Frauenrechtlerinnen Westeuropas. Durch das Studium der Werke von Fourier, Owen, Lassalle, Marx, durch die Schriften von Herzen, Ogarjew und vor Allem von Tschernyschewski, dessen Roman „Was tun?“ den Anstoß zu einer moralischen Wiedergeburt der russischen gebildeten Jugend gegeben, waren sie mit dem Sozialismus bekannt, waren sie zum größten Teil glühende Anhängerinnen seiner Lehren geworden. Wenn sie Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger Jahre in Scharen ins Ausland, zumal nach der Schweiz zogen, so geschah dies nicht bloß, weil sie hier Wissen holen konnten, nach dem sie dürsteten, sondern auch, weil es ihnen hier möglich war, die sozialistische Literatur, die soziale Frage, die sozialen Kämpfe umfassender und gründlicher zu studieren als in der Heimat. Lasst uns lernen, um frei zu werden und unsere versklavten Brüder und Schwestern aus dem Volke frei zu machen, das war die Losung, unter der sie nach Zürich wie zu einem sozialistischen Mekka wanderten. In Zürich verließen sie die Hörsäle der Professoren und besuchten sie die Versammlungen der Sozialisten und Revolutionäre; hier vertauschten sie ihre Lehrbücher der Medizin und Naturwissenschaften mit sozialistischen Schriften, befestigten und vertieften sie ihre sozialistischen Überzeugungen. Der Heldenkampf des Pariser Proletariats in der Kommune, der in diese Zeit fiel, gab ihren Gefühlen und Überzeugungen neue Nahrung. Alle ihre Wünsche von Volksglück und Volksfreiheit, all ihre bis dahin unklaren, nebelhaften Vorsätze, ihr Leben, ihre Tätigkeit der Befreiung der unteren Klassen zu widmen, fanden nun einen klaren, zielbewussten Ausdruck in dem Schrei: „Lasst uns unter das Volk gehen“, lasst uns das Volk heben, lasst uns Bauern und Arbeiter zu tätigen Gliedern einer freien, glücklichen Gesellschaft erziehen.

Diesem Ziel entsprechend kehrten sie in die Heimat zurück, wo sie sofort mit Feuereifer ans Werk gingen. Junge Mädchen, welche den reichsten und vornehmsten Familien entstammten, in Wohlleben, ja Luxus herangewachsen waren, verzichteten freudig auf alle Vorteile ihrer Geburt und Stellung. Sie flohen aus dem elterlichen Hause, vertauschten ihre elegante Kleidung mit dem einfachen, groben Volkskostüm, sie, die nie erfahren, was Not, was Arbeit um ein Stück Brot bedeutet, traten in Fabriken ein, schafften täglich 12, 14, 16 Stunden in eintöniger Arbeit an der Maschine, teilten das Leben ihrer Arbeitskameradinnen, schliefen wie diese in verpesteten Nachtherbergen auf hölzernen Pritschen, lebten wie diese von schlechter und ungenügender Nahrung. Nicht nur allen liebgewordenen Gewohnheiten, auch vielem Unentbehrlichen entsagten sie. Noch größer war die Zahl der jungen Mädchen und Frauen, welche unter die Bauern gingen, deren hartes, mühseliges Leben mit all seinen Qualen und Entbehrungen auf sich nahmen. Andere wieder ließen sich als Lehrerinnen, Hebammen, Doktorinnen auf dem Lande und in Arbeitervierteln nieder, suchten in dieser Berührung mit dem Volke dessen moralische und materielle Leiden und Bedürfnisse kennen zu lernen. Das Elend, das sie in jeder Beziehung fanden, war so riesengroß, dass all ihre Bemühungen, Erleichterung zu schaffen, dem Tropfen Wasser auf einem heißen Stein glichen, dass sie in der Überzeugung von der Notwendigkeit einer Umgestaltung der gesellschaftlichen Ordnung bestärkt wurden.

All den Mädchen und Frauen, die „unter das Volk“ gingen, war mithin die Propaganda der sozialistischen Idee die Hauptsache, von ihn erwarteten sie eine gesellschaftliche Wiedergeburt des Landes.

In der Stube, wo sie ihr Quartier aufgeschlagen, in der rußigen Hütte eines Bauern, oft auch auf einem freien Platz mitten im Dorfe sammelten sie Leute aus dem Volke um sich, lasen sie ihnen sozialistische Broschüren vor, erklärten sie diese, suchten sie durch Lieder und Gedichte die frohe Botschaft von der Berufung Aller zum Glück in einer umgestalteten Gesellschaft in Herzen und Köpfe der Armen und Elenden zu tragen. Sie kannten bei ihrem Propagandawerk keine Ermüdung, keine Entbehrung war ihnen zu groß, kein Opfer zu schwer. Um des Volks, um ihrer Mission willen gaben sie mit freudiger Genugtuung Alles preis, was ihnen im Leben früher lieb und teuer gewesen war, sie fanden nur in Einem Befriedigung: in dem Bewusstsein, ihre Pflicht den Mühseligen und Beladenen gegenüber getan zu haben. Und die Erfüllung dieser ihrer Pflicht war oft sehr schwer. Der Boden, den sie für den Sozialismus bestellen wollten, war in Folge Jahrhunderte langer Vernachlässigung meist rau und hart. Der russische Bauer hoffte nicht mehr auf Erlösung, er misstraute den „Herren“ und „gnädigen Frauen“, die zu ihm kamen, er brachte ihren Bestrebungen Gleichgültigkeit und Stumpfsinn entgegen. Die Propagandistinnen lernten die Bitternis vergeblichen Mühens und Ringens, des Verkanntwerdens der edelsten Absichten kennen, sie wurden von denen, die sie retten wollten, oft mit Feindschaft, mit Denunziation gelohnt. Dies Alles vermochte nicht ihren Eifer zu lähmen, ihre Begeisterung erkalten zu machen, sie setzten ihr Werk mit der Überzeugungstreue, dem Entsagungsmut von Aposteln fort. Als die Regierung voller Furcht vor den Wirkungen der „sozialistischen Pest“ Propagandisten und Propagandistinnen in den Riesenprozessen der 50 zu Moskau, der 193 zu Petersburg vor Gericht stellte, als hier die Einzelheiten über Leben und Wirken der jungen Mädchen und Männer bekannt wurden, als diese mit Worten voll flammender Begeisterung ihre Überzeugungen und Ziele darlegten, da hatte die bürgerliche Presse und Gesellschaft Russlands nur ein Urteil: „Das sind keine Missetäter, das sind Heilige“.

Die despotische Regierung des Zaren ging von da an mit steigender, unerhörter Brutalität und Grausamkeit gegen die durchaus friedliche Propaganda und ihre Träger vor. Hunderte von jungen Leuten und jungen Mädchen wurden ohne Prozess, ohne Verurteilung in die scheußlichsten Gefängnisse geworfen, nach Sibirien geschleppt, in die öden nordischen Provinzen verbannt, ihren Familien und Freunden entrissen, unter Polizeiaufsicht gestellt, gemisshandelt, wie nie gemeine Verbrecher gemisshandelt worden waren. Spitzel und Polizisten hefteten sich an die Fersen der Propagandisten und Propagandistinnen, machte ihnen das Wirken unter dem Volk geradezu zur Unmöglichkeit. Unter solchen Verhältnissen sahen die russischen Revolutionäre ein, dass sie die Form des Kampfes für eine neue Gesellschaft ändern mussten. Sie wurden von ihrem übermächtigen Gegner gezwungen, auf den Druck durch Gegendruck zu antworten. Waren die Polizisten, hohe wie niedere, ihre unversöhnlichen Feinde, die sie zu Tode hetzten, so mussten auch sie zu keinen Pardon kennenden Gegnern der Polizisten werden. Die wilde Hatz gegen die idealen, friedlichen Propagandisten riefen die Attentate gegen Spione, Gendarmen und deren Chefs hervor. Auf den weißen Schrecken seitens der Regierung folgte der rote Schrecken seitens der Revolutionäre, der zuletzt, wie dies dem persönlichen, absolutistischen Regimente des Zaren gegenüber nahe lag, in einen Kampf gegen die Person des russischen Selbstherrschers gipfeln musste. So trat unter dem Gebot der Notwehr der Terrorismus an Stelle der Propaganda.

Auch an den terroristischen Kämpfen der russischen Revolutionäre nahmen die Frauen einen hervorragenden Anteil, setzten sie Leib und Leben für ihre Ideen aufs Spiel. Frauen streiften als Sendboten der revolutionären Organisationen unter tausenderlei Gefahren und Schwierigkeiten durch das Land, vermittelten den Verkehr von Gruppen und Personen miteinander, gewannen neue Anhänger, sammelten Mittel, schlossen sich monatelang in den ungesunden, oft in Kellern gelegenen geheimen Druckereien ein, wo sie die revolutionären Propagandaschriften, die Proklamationen des revolutionären Exekutivkomitees herstellten, nahmen an den gefährlichsten Beratungen Teil, forderten bei den schwierigsten, anstrengendsten, Körper und Geist verzehrenden Unternehmungen ihren Platz, waren oft Kopf und Arm, leitender Gedanke und ausführende Kraft der revolutionären Streiter. Was sie auch taten, sie taten es einfach und schlicht, ohne Aufhebens, ohne Rühmens, wie etwas Alltägliches und Selbstverständliches, wie eine Pflicht, deren Erfüllung Herzenssache ist. Dutzende um Dutzende von ihnen fielen den polizeilichen Schergen in die Hände, wurden moralisch und körperlich zu Tode gemartert und starben am Galgen, aber Kämpferinnen um Kämpferinnen drängten sich in die gerissenen Lücken und füllten die Reihen.

Frauen wie Perowskaja, Helfmann, Sassulitsch, Figner, Bardina, Subotina und andere haben als Vorkämpferinnen der Volksfreiheit in Russland gelebt und gehandelt, sind als Märtyrerinnen derselben gefallen und verdienen dankbare Erinnerung, wo immer auch für die Befreiung der unteren Klassen gekämpft werden mag. Ein so guter Kenner der russischen revolutionären Bewegung wie Stepnjak bemerkt treffend, dass diese ihren fast religiösen Charakter den Frauen verdankt, die an ihr Anteil nahmen, die heilige, läuternde Flamme der Begeisterung in sie hineintrugen.

Als nach der Hinrichtung Alexander II. und nach etlichen anderen, meist verunglückten Attentaten, die Zeit des Terrorismus ihren Abschluss fand, als die revolutionären Streitkräfte erschöpft waren, sich wieder sammeln und zählen mussten, da blieben die Frauen nach wie vor der Bewegung treu und stellten ihr Sein und Können in deren Dienst. Das Heldenmädchen Sophie Ginsburg, das im letzten Jahre in einem der höllischsten Gefängnisse des Zarenreichs unter Aufbietung ungewöhnlicher Energie durch Selbstmord endete, um nicht in Augenblicken geistiger Umnachtung die Kameraden den Henkern auszuliefern, ist der beste Beweis dafür, dass die russischen Frauen nicht darauf verzichtet haben, in dem Kampf für die Freiheit in den vordersten Reihen zu stehen. Wenn heute in Russland der Despotismus fällt und politische Bewegungsfreiheit gegeben wird, da wird man in Russland eine Frauenbewegung, eine Anteilnahme des weiblichen Geschlechts an der Ausgestaltung des öffentlichen Lebens sehen, wie in keinem zweiten Lande.

Es sei noch bemerkt, dass sich die russischen Revolutionärinnen mit wenig Ausnahmen, wie Jessa Helfmann und etliche Andere, aus den Schichten der Besitzenden und Gebildeten rekrutierten. Dieser Umstand erklärt sich aus den politischen Verhältnissen des Landes. Sie haben zur Folge, dass nicht nur die breiten Massen des Volks, sondern auch die Klassen der Reichen und Gebildeten unter dem Drucke des Despotismus, der Selbstherrschaft des Zaren seufzen. Nun stehen Erstere unter einem doppelten Joch der wirtschaftlichen, das noch härter auf ihnen als auf ihren proletarischen Brüdern Westeuropas lastet, und unter dem der politischen Tyrannei, die ihnen den Kampf so gut wie unmöglich macht. Letztere dagegen sind in Gestalt ihrer Bildung, einer Folge ihrer größeren wirtschaftlichen Unabhängigkeit, mit einer dem Volke mangelnden Waffe ausgerüstet, die ihnen ermöglichte, bisher im Kampfe gegen den Despotismus eine hervorragende Rolle zu spielen. Anders liegen die Dinge in Deutschland, in Westeuropa. Hier haben die sogenannten gebildeten Klassen, Adel und Bürgertum, alles Interesse an der Fortdauer der bestehenden politischen Verhältnisse. Hier liegt weder für deren männliche noch weibliche Angehörige ein Grund vor, das Proletariat in seinem Kampfe gegen die herrschende Gesellschaftsordnung zu unterstützen, im Gegenteil haben sie alles Interesse daran, diesen Kampf zu hindern. Die deutschen Proletarierinnen werden nicht das Schauspiel erleben, dass Hunderte und Tausende der Frauen der Oberen Zehntausend in ihre Reihen treten und ihnen durch ihr Beispiel nicht nur zeigen, wie man für eine Idee mit Würde stirbt, sondern auch – was oft weit schwerer – wie man tagaus tagein für eine Idee lebt und kämpft, wie dies die russischen Revolutionärinnen getan. Die deutschen Proletarierinnen sind für ihren Befreiungskampf – von Ausnahmen abgesehen – einzig und allein auf ihre Klassengenossen und Klassengenossinnen angewiesen.


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