Clara Zetkin: Friedensarbeit

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 26. Jahrgang Nr. 18, 26. Mai 1916, S. 133]

Mit knapper Not scheint die Reichsdiplomatie um die scharfe Ecke eines ernsten Konflikts mit der nordamerikanischen Republik herumgesegelt zu sein. Die schwere Sorge einer neuen Erweiterung der furchtbaren Schrecken des Weltkriegs ist für einen Augenblick gewichen. Doch falsch wäre es. sich in beruhigte Stimmung zu wiegen. Der Reichstag und die Reichsregierung haben die augenblickliche Gefahr des Konflikts mit der Formel über die Anwendung des „Völkerrechts“ auf den U-Boot-Krieg beschworen. Aber was ist heute „Völkerrecht“? Was ist von diesem Begriff noch übriggeblieben, nachdem der Weltkrieg zwei Jahre lang mit Schwert und Feuer zu Lande, zu Wasser und in der Luft über alles hinweg stürmt, was als heiligste Pflicht der Menschlichkeit, ehrwürdigste Sitte der Kultur und verbrieftes internationales Vertragsrecht galt?

„Völkerrecht“ und Völkerschlachten vertragen sich überhaupt miteinander wie Feuer und Wasser. Als die Bourgeoisie als herrschende Klasse in Europa sich in den modernen Staaten häuslich einzurichten begann, suchte sie auch in dem ungeschlachten Wesen des mittelalterlichen Militarismus und des Krieges eine gewisse „Ordnung“ zu schaffen. Die Barbarei des Kriegsgemetzels musste zivilisiert, auf die Gräuel und Ruinen der Schlachten musste die sanfte Passionsblume der christlichen Menschenliebe gepflanzt, auf die der Kultur geschlagenen blutenden Wunden musste der Samariterverband der Rechtlichkeit gelegt werden. Das „Völkerrecht“ ist zu ganzen Bänden von Satzungen, Verträgen, Vereinbarungen gediehen, die den Zweck hatten, dem bürgerlichen Liberalismus das stolze Bewusstsein zu geben, dass in der zivilisierten, fortschrittlichen Neuzeit nicht wie in der rauen Vorzeit blind und grausam, sondern mit Rechtssatzungen und Barmherzigkeit gekriegt und getötet wird. Die Bourgeoisie brauchte hier wie in allen Stücken ihrer Klassenherrschaft eine Form des Rechts, die über den brutalen Inhalt hinwegtäuschte. Nun kam der heutige Weltkrieg und ließ in kürzester Frist von dem wohlgestalteten Bau des Völkerrechts nicht einen Stein auf dem andern. Noch nie war der grausame Inhalt so schroff aus allen umhüllenden Formen herausgetreten. Die nie dagewesene technische Vervollkommnung der Kriegsmittel, die die Grausamkeit des Kampfes über alle Begriffe steigern und, jeden Tag durch neue Erfindungen bereichert, aller früheren Satzungen und Vereinbarungen spotten: der Weltmaßstab des Krieges, der alle Großmächte in den Strudel des blutigen Kampfes gerissen hat, so dass kein unbeteiligter Richter oder Schwurzeuge des mit Füßen getretenen Rechts auch nur mit moralischem Gewicht seine Stimme erheben kann: vor allein aber der offenkundige Bankrott der höchsten moralischen und politischen Autorität der Neuzeit, des internationalen Sozialismus: all das hat in diesem Kriege jegliche Illusionen und Traditionen des „Völkerrechts“ zu Grabe getragen.

Die Geschicke der Völker wie der Klassen, der Krieg und der Friede haben sich als nackte Machtfragen herausgestellt. Wer die entfesselten Furien der imperialistischen Generalschlacht mit den Schleierfetzen des „Völkerrechts“ fesseln zu können vermeint, könnte ebenso gut den Orkan mit einem Schmetterlingsnetz einfangen wollen. Jeder Krieg hat seine eigene Logik, und vollends der heutige Krieg, der in die Tiefen der kapitalistischen Klassengesellschaft greift, hat Kräfte wachgerufen, die den Drahtziehern der Weltgeschichte unheimlich über die kleinen Köpfe gewachsen sind, ja mit jedem Tage mehr über die Köpfe wachsen. Was der morgige Tag bringt, weiß heute der weiseste Staatsmann so wenig wie der einfältigste Türhüter am Portal eines Ministeriums.

Die Sicherheit des Friedens und die klare Berechnung der Weltgeschicke sind erst dann möglich, wenn ein neuer, berechenbarer Machtfaktor im Weltkrieg mit ins Spiel kommt: Der klare bewusste Wille der Völker. Wenn das sogenannte „Völkerrecht“ aus einem für die Völker geschriebenen Machwerk diplomatischer Kanzleien zu einem von den Völkern zur lebendigen Tat geschmiedeten Recht wird; wenn Menschlichkeit, Recht, Kultur und Sitte nicht als Seidenbänder um die mordspeienden Schlünde der Kanonen gewunden werden, sondern durch ihr Machtwort die Kanonen zum Schweigen bringen: dann erst ist der Friede wirklich verbürgt. Nicht auf die Antwortnoten aus Amerika lauschen, vielmehr auf die Stimme der internationalen proletarischen Solidarität im eigenen Herzen: das ist die Friedensarbeit für Männer und Frauen des Volkes!


Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert