Clara Zetkin: Bruno Schoenlank †

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 11. Jahrgang Nr. 23, 6. November 1901, S. 177]

Eine erschütternde Kunde wird uns in dem Augenblick, wo diese Nummer in Druck geht. Bruno Schoenlank ist am 30. Oktober in Leipzig seinen unsäglichen Leiden erlegen. Ihm nahte der Tod als Freund, uns als Würger der letzten Hoffnung, den sturmerprobten treuen Kämpfer, den unvergesslichen, lieben Freund je wieder in Reih und Glied zu sehen. Wir müssen darauf verzichten, heute in dieser kurzen Notiz auch nur anzudeuten, was Bruno Schoenlank der Partei gewesen und was sie ihm verdankt. Als Journalist, Redakteur, wissenschaftlicher Schriftsteller, Agitator und Parlamentarier hat er Hervorragendes, ja Geniales für die Sache des Proletariats geleistet. Es war eine selten glänzende, vielseitige Persönlichkeit, die Schoenlank in selbstlosem Idealismus in den Dienst der Sozialdemokratie stellte, eine Persönlichkeit, in der das Beste unserer Zeit lebendig war, die alle Leiden unserer Tage schmerzlich empfinden, aber auch all ihre Kultur, alle Zukunftshoffnungen der Menschheit freudvoll genießen konnte. Ein rasch loderndes, leidenschaftliches, ritterliches Temperament, stark in der Liebe wie im Hass, machte ihn zum geborenen Kämpfer. Und dieser Kämpfer war gewandt und gerüstet wie wenige. Sein scharfer, durchdringender, sprühender Geist erfasste mit Blitzesschnelle die Situation und ließ ihm jede Schwäche des Gegners erspähen. Sein reiches, gründliches Wissen, das sich auf die verschiedensten Gebiete erstreckte, lieferte ihm Waffen über Waffen. Und eine seltene Meisterschaft der Sprache erhöhte die Wirksamkeit und den Reiz seiner Waffenführung. Der glänzende Kämpfer war gleichzeitig ein Genie des Fleißes und der Arbeitsamkeit, ein Mann, den die höchste Pflichttreue beseelte, ein treuer, verständnisvoller, feinfühliger, anregender Freund. Das Proletariat vergisst seine Toten nicht. Schoenlank hatte sich seinem Befreiungskampf ganz gegeben, durchdrungen von der Größe und Wahrheit der Schillerschen Verse:

„Und setzet Ihr nicht das Leben ein,

Nie wird Euch das Leben gewonnen sein!“

Er hat das Leben eingesetzt. Er hat das Leben gewonnen.


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