[Die Neue Zeit, XXIV. Jahrgang 1905-1906, I. Band, Nr. 18, S. 569-572]
f Berlin, 24. Januar 1906
Wäre es nicht eine gar so ruchlose und namentlich nicht eine gar so dumme Gesellschaft, so könnte man mit unseren reaktionären Scharfmachern beinahe so etwas wie Mitleid haben. Sie hatten es mit ihrer blöden Demagogie wirklich erreicht, am 21. Januar ein bewaffnetes Heerlager aus dem offiziellen Deutschland zu machen, und nunmehr, nachdem die überlegene Einsicht und Ruhe des klassenbewussten Proletariats die drei erhebenden Trostgründe des Klassenstaats, Infanterie, Kavallerie und Artillerie, einfach auf den Sand gesetzt hat, geraten sie sich untereinander in die Haare, in einem Tohuwabohu, wie es nicht ergötzlicher ausfallen könnte, wenn sie es auf unsere ausdrückliche Bestellung angerichtet hätten.
An dem unglaublichen Schwindel, dass die Berliner Arbeiter am 21. Januar vor das Schloss hätten ziehen wollen, um das Ordensfest zu stören, welch ruchloser Plan eben durch die Entfaltung einer gewaltigen Truppenmacht gehindert worden sei, hält im Grunde nur das kleine Gesindel fest, das von den reaktionären Scharfmachern zwar gelegentlich benutzt, aber selbst von ihnen nicht wohl ernst genommen wird, die Zeilenreißerkompanie der „Täglichen Rundschau“, der „Leipziger Neuesten Nachrichten“ und ähnlicher Käseblätter. Einem von der Gesellschaft, und gerade dem Erfinder und Verbreiter jenes unglaublichen Schwindels, einem gewissen Rippler, ist es noch gelungen, an dem Ordensfest, das er glorreich vor dem Umsturz gerettet hat, eine „Auszeichnung“ zu erhaschen; er hat die „eklatante Genugtuung“ eines roten Adlers vierter Güte erhalten, während sich unter der Herrschaft des Sozialistengesetzes selbst so verdiente Lockspitzel wie Ring- Mahlow und Naporra mit dem allgemeinen Ehrenzeichen begnügen mussten. Der rote Vogel, der auf die Brust des Denunzianten Rippler geflattert ist, kennzeichnet das preußische Regiment des Jahres 1906 in seiner Weise ebenso wie der rote Vogel, der im Jahre 1816 gut die Brust des Denunzianten Schmelz herab flatterte. Damit ist allerdings erwiesen, dass die Hetzer, die mit selbst fabrizierten Lügen die Kleinkalibrigen gegen friedliche Arbeitermassen mobil machen wollten, das Wohlgefallen der preußischen Regierung erregt haben, aber ob der mehr besagte Rippler heute noch, nach dem kläglichen Zusammenbruch seines Humbugs, den ersehnten Vogel bekommen würde, wenn er ihn nicht schon weg hätte, das ist eine andere Frage. Denn selbst das offiziöse Hauptblatt überkommt eine Art von Scham, und es versteigt sich nicht mehr zu der frechen Behauptung, dass die Berliner Arbeiter nur aus Angst vor Militär und Polizei auf die umstürzlerischen Pläne verzichtet hätten, die sie ursprünglich auszuführen beabsichtigt hätten. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ hat sogar ein Wort der Anerkennung für die Disziplin der Arbeitermassen, die am 21. Januar für die Wiederherstellung eines ihnen widerrechtlich entrissenen Rechtes demonstrierten. überflüssig zu sagen, dass dies Wort der Anerkennung für die Arbeiter nicht einmal den Wert eines Pfifferlings hat oder haben kann, aber es kennzeichnet die Situation im Lager der Gegner, wenn die offiziöse Taktik auf ihren schmutzigen Seitenpfaden nicht mehr weiter kommen kann, ohne gelegentlich auch den Weg der Wahrheit zu betreten. Darüber ist freilich das Organ der Brotwucherer sehr verdrießlich, und es räsoniert nicht schlecht auf das Blatt, worin Fürst Bülow. seine staatsmännische Weisheit ablagert, aber es will die Arbeiter nur nicht noch ausdrücklich gelobt wissen; den Schwindel von der Belagerung des Ordensfestes hält es auch nicht aufrecht.
Die liberalen Wetterfahnen nun gar, die wacker mit gehetzt haben, drehen sich kreischend in ihren Angeln. Die „Nationalzeitung“ wirft der Regierung. „übertriebene Vorsicht“ vor, und das „Berliner Tageblatt“ verbürgt ihr sogar wegen ihrer Mobilmachung von Infanterie, Kavallerie und Artillerie das „homerische Gelächter“ der Mit- und Nachwelt. Darüber sind die reaktionären Scharfmacher nicht wenig erbost, und eben in diesem Punkte könnte man mit. ihnen beinahe ein gewisses Mitleid empfinden: in einer schmählichen Niederlage so von seinen getreuesten Helfershelfern einen Stoß in den Rücken zu bekommen, das ist immerhin hart. Aber verdient ist es deshalb freilich nicht minder, denn. eine Sache, die von vornherein auf lauter Lug und Trug und Verrat aufgebaut war, kann nicht anders zusammenbrechen als in lauter Lug und Trug. und Verrat. Die ausgesuchten Schmeicheleien, die „Kreuzzeitung“ und „Berliner Tageblatt“ jetzt miteinander austauschen, ändern natürlich auch nichts an der alten hausbackenen Erfahrung, dass Pack sich schlägt und sich verträgt. Nichts törichter, als wenn man das schrille Umdrehen der liberalen Windfahnen als den Anfang einer Besserung betrachten wollte, Es ist eben wieder nur charakteristisch für die Wucht der Niederlage, die das reaktionäre Scharfmachertum erlitten hat, dass ihm selbst die liberalen Kroaten untreu werden; sobald auch nur die entfernte Möglichkeit auftaucht, der Arbeiterklasse einen recht hinterlistigen Streich zu spielen, klickt die ganze Gesellschaft doch wieder zusammen und die trutziglichen Ritter des Kreuzes schlingen zärtlich ihren Arm um das „jüdische Kapital“, dessen feige Gesinnungslosigkeit sie jetzt nicht genug. zu verhöhnen wissen.
Eher können wir es uns gefallen lassen, wenn die „Weserzeitung“, ein kapitalistisch-liberales Blatt, das sich bei allen bürgerlichen Vorurteilen von jeher den Luxus einer eigenen Meinung gestattet hat, offen bekennt: „Großartig hat die sozialdemokratische Partei ihre Heerscharen im Kommando. Sie gibt die Parole aus, dass keine Unruhen entstehen sollen: der ganze große Heerbann begeht auch nicht eine einzige Ausschreitung. Eine solche Disziplinierung der Massen durch rein geistige Mittel hat außer dieser Partei wohl nur die Kirche aufzuweisen, diese auch nicht immer, sondern nur zuweilen, unter verschiedenen Verhältnissen seit dem Beginn der Kreuzzüge.“ Wobei noch zu erwägen wäre, dass die Disziplinmittel der Kirche nicht einmal „rein geistig“ sind, und dass sie, soweit sie es sind, mit „geistigen“ Eigenschaften rechnen, die wie Aberglauben, Eigennutz, Furcht und dergleichen mehr nicht gerade zu den auszeichnenden „Eigenschaften“ des menschlichen Geschlechtes gehören, während die in der Tat „rein geistige Disziplin“ der Sozialdemokratie über ihre Anhänger darauf beruht, dass sie in den Arbeitermassen Erkenntnisfähigkeit, Gemeinsinn, Mut und überhaupt alle Eigenschaften von Kulturmenschen wachzurufen versteht. Hiervon abgesehen, kann die Partei immerhin das Kompliment annehmen, das ihr die „Weserzeitung“ unter dem überwältigenden Eindruck des 21. Januar macht.
Die Kehrseite der Medaille zeigt sich dann in der „Kölnischen Volkszeitung“, dem bedeutendsten Organ der ultramontanen Partei, das sich auch wohl noch den Luxus einer selbständigen Ansicht zu gestatten pflegt. Dies Blatt sagt kurz und bündig, die einzige Lehre des 21. Januar sei, dass die Reaktion zu einem wuchtigen Schlage ausgeholt, aber gänzlich daneben gehauen habe. In der Tat – anders wird das historische Urteil über diesen Tag nicht lauten, Nichts liegt uns ferner, als jene weinerliche Kampfweise, die wir an den Freisinnigen oft genug verspottet haben, jenes erbarmungswürdige Geflenne: Weshalb werden wir so misshandelt, da wir ja doch nur friedliche und gesetzliche Mittel anwenden, um unsere Ansichten zu bekunden? Was uns anbetrifft, so bestreiten wir durchaus nicht, dass die Kreise, aus denen sich die reaktionären Scharfmacher rekrutieren, allen Grund haben, die sozialdemokratische Agitation zu fürchten und zu hassen, und wir nehmen es ihnen weiter gar nicht übel, dass sie uns lieber heute als morgen den Kragen umdrehen möchten; die Partei kann sich im Grunde gar kein schmeichelhafteres Zeugnis dafür denken, dass sie ihre Pflichten gegen die Arbeiterklasse erfüllt, Aber was die Nachwelt einmal als eine sträfliche Unvernunft unserer Gegner brandmarken wird, das ist ihre Unfähigkeit, unsere Strategie und Taktik auch nur zu verstehen und die eigene Strategie und Taktik danach einzurichten. Aus dieser Unvernunft resultieren solche Niederlagen, wie die Gegner der Sozialdemokratie am 21. Januar erlitten haben; aus einem allgemeinen Tohuwabohu entstanden, verlaufen sich diese Feldzüge in ein allgemeines Tohuwabohu.
Das ist kein „Schweineglück“ der Sozialdemokratie, wie es ein ultramontaner Parlamentarier einmal in oberflächlich-schiefer Auffassung genannt hat; es ist vielmehr das logische Ergebnis der Tatsache, dass die herrschenden Klassen in Deutschland nicht mehr auf der Höhe der historischen Entwicklung stehen, sondern längst in ihr Hintertreffen geraten sind. Klassen, die wirklich noch die historische Situation beherrschen, in der ihnen die Herrschaft zugefallen ist, können sich nie so völlig über das historische Wesen ihrer Erben und eben deshalb ihrer Todfeinde täuschen, wie sich heute die herrschenden Klassen über das historische Wesen der Sozialdemokratie täuschen. Das gilt von allen bürgerlichen Parteien ohne jede Ausnahme, und nicht zuletzt von den Freisinnigen, deren klägliche Haltung in dem Hexensabbat der letzten Wochen an dieser Stelle schon gekennzeichnet worden ist. In der bürgerlichen Welt gibt es nicht mehr einzelne Parteien, sondern nur noch einzelne Personen, die sich darüber klar sind, wie der proletarische Siegeslauf vom Standpunkt der herrschenden Klassen am ehesten noch aufgehalten werden könnte, und diese Leute, die Barth, Naumann und was sonst zu ihnen gehört, werden von dieser eigenen Welt als Don Quichottes verlacht. Es sind auch Don Quichottes, gewiss, aber in dem historisch umgekehrten Sinne, dass sie das gesunde Geistesleben einer Klasse noch vertreten, zur Zeit, wo diese Klasse schon der allgemeinen Narretei ihres historischen Unterganges verfallen ist.
Aus diesem Verhältnis ergibt sich auch, dass die reaktionären Scharfmacher aus der Niederlage, die sie am 21, Januar erlitten haben, nichts lernen werden. Nur aufsteigende Klassen lernen aus ihren Niederlagen; absteigende Klassen werden durch jeden Schlag, den sie über den morschen Schädel erhalten, nur noch dösiger und tölpelhafter, deshalb aber nur um so gereizter, einen dummen Streich, der ihnen eben misslungen ist, in noch dümmerer Weise zu wiederholen. In dieser Beziehung geben wir uns über die Wirkungen des 21. Januar durchaus keinen Illusionen hin, genug, wenn die deutsche Arbeiterklasse an diesem Tage gezeigt hat, dass ihr Geschick, reaktionäre Streiche zu parieren, in demselben Maße wächst, wie diese Streiche ungeschickter werden.
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