Franz Mehring: Erwiderung auf Nossigs Replik

[Die Neue Zeit, XIX. Jahrgang 1900-1901, II. Band, Nr. 35, Rubrik „Notizen“, S. 348-350]

Zurück auf Moses! Dr. Nossig schreibt uns: In dem Aufsatz „Marodeure“ beschäftigt sich die „Neue Zeit“ (Nr. 34) mit dem ersten Bande meiner „Revision des Sozialismus“. Da jener Aufsatz von einer meritorischen Kritik des Buches absieht und sich hauptsächlich gegen die vermeintlichen persönlichen Intentionen der Revisionisten, insbesondere aber gegen die meinigen wendet, so werden mir wohl einige Worte zu meiner Verteidigung gestattet sein.

Der Verfasser bemerkt, ich hätte mich gegen eine objektive Kritik meines Werkes geschützt, indem ich gegen die übliche, pamphletartige Polemik orthodoxer Marxisten aufgetreten wäre. Es ist unmöglich, meine Absichten gründlicher zu verkennen. Wofür ich in meiner „Revision des Sozialismus““ eintrete, ist eben nichts Anderes, als eine objektive, ruhige Würdigung der dem orthodoxen Marxismus entgegenstehenden Anschauungen; wogegen ich mich kehre, ist die persönliche Polemik, die herabsetzende Verdächtigung, welche statt jener beliebt ist. Der Ton des Aufsatzes „Marodeure“ beweist es am besten, dass ich hiermit auf eine tatsächlich bestehende und beklagenswerte Praktik hingewiesen.

Dieser Aufsatz wirkt wenig trostreich: ich sage es nicht etwa, weil ich mich durch die in ihm enthaltenen Vorwürfe getroffen fühlte, sondern weil die Aussichtslosigkeit aller auf Verständigung der „Revisionisten“ mit den „Orthodoxen“ abzielenden Bestrebungen immer klarer wird.

Erscheint es dem Verfasser jenes Aufsatzes tatsächlich unmöglich, dass ein Sozialpolitiker, der in manchen Punkten anderer Ansicht ist als er, ehrlich, unabhängig und fortschrittlich denke? Ist es ausgemacht und bewiesen, dass die Revisionisten sich bemühen, „zum Nuten der kapitalistischen Gesellschaft deren gefährliche Gegner zu schwächen?“ Geht es an, einem Werke, das in erster Linie eine Versöhnung und Vereinigung der verschiedenen Richtungen des Sozialismus anstrebt, den Vorwurf zu machen, dass es „durch Beschimpfung der Einen und Umschmeichelung der Anderen“ Zwietracht säen wolle? Geht es an, mir die Neigung zu unterschieben, „die Republik der freien Geister als revisionistischer Cäsar zu sprengen“, während der wahre Geist meines Werkes sich in den Worten der „Prolegomena“ zusammenfasst:

„Nicht durch die kritische Alles-Vernichtung, durch die anspruchsvolle Illusion, dass man zuerst und allein die richtige Formel gefunden, wird das große Werk des sozialen Fortschritts am besten gefördert; sondern dadurch, dass man sich als Glied in die Kette hinein fügt, seinen Ziegelstein zum Bau herbeiträgt.“

Darf man überhaupt, wie es auch von Seiten anderer Parteiorgane bei der Besprechung der „Revision“ geschehen ist, es Jemandem als Verbrechen anrechnen, dass er mit einem „dickleibigen““ Werke auftritt, dass er die Zeitungs- und Broschürendebatte durch gründlichere und umfassendere Untersuchungen ersetzen will?

Soviel über die Angriffe, welche sich nicht auf den Inhalt meines Buches, sondern auf das Drum und Dran und auf die Intentionen des Verfassers beziehen. Hinsichtlich mancher meritorischen Punkte verweise ich auf die Entgegnung, welche ich dem „Vorwärts“ auf seinen Artikel „Ein Revisionär“ zugeschickt.

Hier sei nur noch Eines bemerkt.

Ich habe in dem optimistischen Wahne gelebt, dass dort, wo eine Verständigung sich als unmöglich erweist, mindestens ehrliche Gegnerschaft, welche gegenseitige Achtung nicht ausschließt, walten könnte und sollte. Der Leiter der „Neuen Zeit“ wird in meinem Buche keine einzige Stelle finden, die einen persönlichen Ausfall gegen ihn enthielte, obwohl ich an vielen Stellen mich theoretisch mit ihm auseinanderzusetzen gezwungen bin. Ich habe von seiner Seite ein Gleiches erwartet. Die Beurteilung unseres beiderseitigen Vorgehens überlasse ich dem Leser.

Berlin, 5. Juni 1901.

Alfred Nossig.

Hierauf erwidert Mehring:

Es gereicht mir zur aufrichtigen Genugtuung, von Herrn Nossig bestätigt zu hören, dass ich den „Geist“ seines Werkes ganz richtig entdeckt habe. Dieser „Geist“ ist die „kritische Alles-Vernichtung“, die „anspruchsvolle Illusion, dass man zuerst: und allein die richtige Formel gefunden“, die „pamphletartige Polemik“, die „herabsehende Verdächtigung“, die „öde, unwissenschaftliche Parteiverblendung“ und so weiter, die Herr Nossig ohne eine Spur, ja auch nur ohne einen Versuch von Beweis den „orthodoxen Marxisten“ und „unverfälschten Sozialisten“ vorwirft, Herr Nossig. hat eine eigentümliche Art siegreicher Polemik. Er tritt Leuten, die ihm nie auch nur ein Haar gekrümmt haben, mit allem ersinnlichen Nachdruck auf den Fuß, und wenn sie sich das verbitten, ruft er mit dem larmoyanten Pathos seiner obigen Erklärung: Seht doch diese unverbesserlichen Raufbolde, mit denen jede ruhige Verständigung unmöglich ist!

Auf die Fragen, die Herr Nossig an mich richtet, brauche ich mich weiter nicht einzulassen. Ich achte jede ehrliche Gegnerschaft, und wenn Herr Nossig so ehrlich gewesen wäre, in seinem Buche zu sagen, dass seine soziale Panazee der periodischen „Teilung“ der ganzen Geschichte und sämtlichen Programmen der deutschen Sozialdemokratie ins Gesicht schlägt, so hätte er vor mir gute Ruhe gehabt. Statt dessen stellt er sich an, als sei er ein Herz und eine Seele mit einigen Parteigenossen, die er als „Republik freier Geister“ umschmeichelt, während er andere Parteigenossen. in der eben angegebenen Weise beschimpft und sein Buch durch seinen Verleger in ausschweifendstem Reklameton den Parteiblättern anpreisen lässt. Das ist keine „ehrliche Gegnerschaft“, sondern genau das, was ich marodieren genannt habe und noch so nenne.

Inzwischen werde ich auf einen Gesichtspunkt aufmerksam gemacht, der Herrn Nossigs „ehrliche Gegnerschaft“ in ein wahrhaft blendendes Licht stellt. In dem „Jüdischen Volkskalender für das Jahr 5661 (1900 bis 1901)“, der auch einen Beitrag von Herrn Nossig enthält, findet sich ein Panegyrikus auf ihn, der von Theodor Zlocisti verfasst ist, ganz in dem Tamtamstil der Verlagsfirma John Edelheim. Darin heißt es über Herrn Nossig: „Seine ganze Arbeit hat nur ein Ziel: die theoretische Grundlage abzugeben für den Neubau der jüdischen Gesellschaft. Und wenn an manchen Stellen in seinen Werken von einer „Neugründung von Staaten nach rationellen Prinzipien“ gesprochen wird, so wissen wir sehr wohl, dass er ein neues jüdisches Gemeinwesen in erster Reihe im Auge hat. … Es ist ein großes und bedeutsames Ziel, das sich Nossig gesteckt hat: der Nachweis soll erbracht werden, dass diejenigen Postulate des Sozialismus, die im Lichte vorurteilsloser Kritik eine gesunde Fundierung und Ausgestaltung der menschlichen. Gesellschaft zu geben angetan sind, in der politischen, sozialen und ökonomischen Gesetzgebung der Juden bereits realisiert oder zum Mindesten angebahnt sind, während die utopistischen Teile der sozialistischen Lehre entschieden ferngehalten und durch Bestimmungen, die den fundamentalen Bedürfnissen der menschlichen Gesellschaft entsprechen, ersetzt sind.“ Da der „Jüdische Volkskalender für das Jahr 5661″ das offizielle Organ der deutschen Zionisten ist und Herr Nossig selbst an ihm mitarbeitet, so wird an der Richtigkeit dieser Darstellung kein Zweifel möglich sein. In der Tat macht sie Herrn Nossigs Werk erst verständlich, und er hätte Recht, sich darüber zu beschweren, dass ich die von ihm vorgeschlagene Erneuerung des alttestamentarischen Jubeljahrs für hoffnungslose: Konfusion gehalten habe, während sie – ganz etwas Anderes ist. Aber über Zweifel an seiner „Ehrlichkeit“ zu lamentieren, hat Herr Nossig danach nicht den geringsten Anlass. Beiläufig – ein nettes Kompliment für die vom „Revisionismus“ geschaffene Klarheit, wenn unter seiner Flagge zionistische Kuckuckseier ins sozialdemokratische Nest geschmuggelt werden sollen und zum Teile wirklich schon geschmuggelt worden sind.

Endlich will ich noch bestätigen, dass Herr Nossig von seinen Bannflüchen gegen die „orthodoxen Marxisten“ und „unverfälschten Sozialisten“ den Genossen Kautskys insofern ausgenommen hat, als Kautsky nach Nossigs Meinung immerhin noch den Einäugigen unter den Blinden darstellt. Über die Gründe dieser ungewohnten Milde war ich nicht lange im Unklaren, doch hatte ich kein Recht, eine Vermutung zu äußern, die ich nicht beweisen konnte. Jetzt bekennt Herr Nossig selbst, damit den „Leiter“ der „Neuen Zeit“ angewinkt zu haben, und ich glaube allerdings auch, dass dies neue Pröbchen „revisionistischer“ Taktik der Beurteilung der Leser überlassen werden darf.

F. Mehring.


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