[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 2. Jahrgang (wenn man die „Arbeiterin“ mitzählt) Nr. 2, 25. Januar 1892, S. 17 f.]
In Budapest wurde kürzlich, wie das wackere ungarische Parteiorgan unter Zufügung trefflicher Bemerkungen berichtet, auf Anregung des Landes-Beamtenvereins ein „Verein zur Verwertung der Arbeit der Frauen der gebildeten Klassen“ gegründet, d. h. der Arbeit von Frauen des Mittelstandes, des Beamtentums, kurz der Schichten, welche nach Marx wie Soldat und Kurtisane Zwischenglieder zwischen dem Kapitalisten und dem Proletariat sind. Die verschiedensten Städte und Gegenden Deutschlands, Österreichs, Frankreichs, Englands und aller Länder, in denen das Großkapital in seiner mächtigen Entwicklung den Mittelstand vernichtet, sind schon mit ähnlichen Gründungen beglückt worden und werden gelegentlich noch mit ihnen beglückt werden. Und jedes Mal wenn, meist unter dem Protektorat „hoher und höchster“ Frauen – für die einen Nebenerwerb suchenden Damen heißt es: „nur immer hübsch nobel“, auch wenn Hunderten von Arbeiterinnen das Stück Brot vom Munde gerissen wird – ein derartiger Verein ausgebrütet worden, ist die bürgerliche Presse rein außer sich vor salbungsreicher, moralischer Rührseligkeit über den „tapferen Entschluss“ der „besseren Frauen“ und „höheren Töchter,“ mit ihren zarten, gepflegten Händchen Nadel und Faden, Zeichenstift und Feder „für Geld“ rühren zu wollen. Wie könnte sie auch anders, als im Tone tiefster Rührung und höchster Anerkennung der Bestrebungen zu gedenken, welche in einträglichster Weise die Profite der Klasse vermehren müssen, deren Wortführerin die bürgerlichen Zeitungen sind. Denn was anders bedeutet diese in Form des Nebenerwerbs geschehende Tätigkeit der Mittelbürgerinnen auf dem Gebiete der Industrie, des Kunsthandwerks etc. etc., als das Auftreten einer billigen und durch Schmutzkonkurrenz verbilligenden, lohndrückenden Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkte, mithin eine Steigerung der ohnehin schon festen Profite der Herren Kapitalisten? Die Freude des gutgesinnten Zeitungsgeschwisters ist also begreiflich, wenn es auch reinlicher wäre, wollte es dieselbe etwas weniger heuchlerisch äußern. Doch jeder tut, was ihm seine Mittel zu tun erlauben.
Auch wir empfinden, wir gestehen es offen, bei derartigen Nachrichten ein Gefühl der Befriedigung. Warum? Dieselben sind ein Anzeichen mehr dafür, dass das Kapital im Laufe seiner Entwicklung immer weitere Schichten des Mittelstandes nach oben hin zu Grunde richtet, immer rascher mit den Zwischengliedern zwischen Bourgeoisie und Proletariat aufräumt, sich in einer täglich kleiner werdenden Zahl von Händen anhäuft, dass sich die Klassengegensätze immer schärfer auf den Punkt zuspitzen, wo mit der Umwandlung der kapitalistischen Gesellschaft in eine sozialistische die Befreiungsstunde der Arbeiterklasse schlägt.
Aber trotzdem dürfen wir angesichts dieser Tatsache nicht vergessen, dass der nämliche Vorgang, der uns dem Ideal der Zukunft näher führt, auch von Folgen begleitet ist, welche die Klasse der Berufsarbeiter, zumal aber von Tausenden von Arbeiterinnen, in ihren augenblicklichen Lebensinteressen schädigen.
In unserem Falle bedeutet die Einbeziehung der Frauen und Töchter des Mittelstandes in das Heer der Industrie- und Berufsarbeiter nicht nur die Proletarisierung des Kleinbürgertums, sie bedeutet gleichzeitig auch die denkbar schmachvollste Schmutzkonkurrenz, eine Herabdrückung der Löhne auf Hungerlöhne, folglich eine Verschlechterung der Lebenslage der Arbeiterinnen, damit aber auch eine Schwächung von deren Widerstandskraft der kapitalistischen Ausbeutung gegenüber, eine Schwächung der revolutionären Energie, mit der sie am Kampfe der Arbeiterklasse teilnehmen müssten. Mit Rücksicht auf diese Folgen kann den Arbeiterinnen nicht laut und oft genug zugerufen werden: „Wehret Euch mit allen Kräften Eurer Haut gegen die Schmutzkonkurrenz der Frauen der gebildeten Klassen.“
Gewiss, die Konkurrenz überhaupt der weiblichen Arbeitskräfte verhindern wollen, welche durch den wirtschaftlichen Ruin des Mittelstandes auf den Arbeitsmarkt geworfen werden, wäre ebenso töricht und aussichtslos, als das frühere Streben der Arbeiter, die Konkurrenz seitens der Arbeiterinnen zu beseitigen. Die wirtschaftliche Entwicklung bringt es unvermeidlich mit sich, dass auch die Klein- und Mittelbürgerinnen zu Berufsarbeiterinnen werden, und ihre Verwandlung in solche ist eine Vorbedingung für die Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaft. Die weiblichen Angehörigen des Mittelstandes, welche durch ihre berufliche Tätigkeit auf irgendeinem Gebiete der Hand- ober Kopfarbeit ihren Lebensunterhalt unter den gleichen Bedingungen erwerben müssen wie Frauen und Mädchen, welche dem Proletariat entstammen, sie sind zwar unvermeidlich Konkurrentinnen, aber auch ebenso unvermeidlich Leidensgefährtinnen und nicht Feindinnen derselben, sie müssen mit der Zeit zu deren Bundesgenossinnen werden. Die Verhältnisse proletarisieren nicht nur ihre wirtschaftliche Lage, sie proletarisieren ebenso gut nach und nach auch ihre Anschauungs- und Denkweise, lassen sie ihre Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse erkennen, führen sie aus eigenem Interesse an höheren Löhnen, kürzerer Arbeitszeit, an einer Umgestaltung der Gesellschaft, deren Druck unerträglich schwer auf ihnen lastet, in den Kampf gegen die Kapitalistenklasse und für die Ziele des Proletariats.
Durchaus anders liegen die Dinge gegenüber all den „Damen der besseren Stände,“ für welche die Arbeit nicht eigentliche Berufsarbeit, nicht Broterwerb, vielmehr bloß Nebenerwerb ist, bestimmt, ihnen nach bürgerlich vorurteilsvolIen und dünkelhaften Begriffen ein „standesgemäßes“ Auftreten zu sichern. Ihr Unterhalt wird meist ganz oder zum größten Teil durch das Einkommen, das Gehalt des Gatten, des Vaters gedeckt. Sie arbeiten nicht unter den Peitschenhieben des Hungers Tag und Nacht für das nötige Stück Brot, sie füllen müßige Stunden mit „nützlicher,“ lies: etwas einbringender Tätigkeit aus, um es an Luxus der Toiletten und Haushaltung, an Modetorheiten und Genusssucht der Großbourgeoisie annähernd gleichtun zu können, gegen die sie gelegentlich mit hohler Tugendheuchelei poltern, deren Laster sie aber sklavisch nachäffen, sowie ihnen dies nur möglich ist. Die „besseren Frauen,“ welche heimlich nähen, sticken und schneidern, „um dem Männchen eine Überraschung mit einem Schlafrock zu bereiten“ oder – „Wohltun fangt bei sich an,“ sagen die praktischen Engländer – um ihn mit einer Saisontoilette nach der funkelnagelneuesten Mode zu entzücken, die „höheren Töchter,“ welche zeichnen, abschreiben, übersetzen und Privatunterricht erteilen, um wöchentlich ein Stündchen beim Konditor mit Freundinnen naschen und plaudern, um bei jedem Anlass mit einem neuen Hut prunken zu können, sie sind nicht gleichgestellte, gleich leidende, nur der nötigen Erkenntnis ermangelnde Konkurrentinnen, sie sind schändliche Schmutzkonkurrentinnen der eigentlichen Berufsarbeiterinnen, auf welchem Gebiete auch immer dieselben tätig seien.
Unter anderen Lebensbedingungen als letztere für den Markt arbeitend, der Notwendigkeit des Broterwerbes enthoben, verkaufen sie ihre Arbeitskraft für schlechtere als Kulilöhne, sie drücken dadurch die Lohnsätze der Berufsarbeiterinnen tiefer und tiefer herab. Die Näherinnen, Schneiderinnen, Konfektioneusen, Stickerinnen, Häklerinnen etc. etc. wissen ein sehr bös klingendes Lied von der Schmutzkonkurrenz dieser gebildeten Damen zu singen. Wie viele von ihnen mussten nicht in eine Verkürzung des Lohnes, der kaum ihr Leben fristete, um ein Drittel, um die Hälfte willigen, wie mancher von ihnen ward nicht der Verdienst, das Brot entzogen, weil sich so viel feine Damen für die Hälfte der bis dahin für ihre Arbeit üblichen Preise anboten.
Von der Einsicht dieser „feinen Damen“ eine Besserung der gekennzeichneten Verhältnisse erwarten, hieße Feigen von den Dornen und Trauben von den Disteln ernten wollen. Sie, die sich gewöhnlich ihrer Arbeit schämen und um keinen Preis eingestehen wollen, dass sie für Geld schaffen, sie, denen der Schein der bürgerlichen Standesgemäßheit über Alles geht – das Kapitel über geheime Prostitution gibt erbauliche Aufschlüsse hinüber – wollen nie und nimmer von einem Zusammengehen mit dem Proletariat wissen, das sie wirtschaftlich mit dem Ärmel streifen, wenn sie nicht schon mitten drin – und zwar im Lumpenproletariat – stehen. Sie können nicht belehrt, ihre Schmutzkonkurrenz muss vielmehr als Bundesgenosse und Helfershelfer der ärgsten kapitalistischen Ausbeutung seitens der Arbeiterinnen mit aller Macht bekämpft werden, die ihnen die Erkenntnis ihrer berechtigten Lebensinteressen und die Organisation verleiht. Krieg dem Kulitum der Frauen und Töchter „gebildeter Stände.“ Es gilt zu verhindern, dass Tausenden von Proletarierinnen das ohnehin schon knapp zugemessene Stück Brot noch kleiner und trockener gemacht werde.
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