Clara Zetkin: Die Berliner Arbeitslosenzählung

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 12. Jahrgang Nr. 5, 26. Februar 1902, S. 33-35]

Mit der Hartnäckigkeit des bösen Gewissens sträubt sich die bürgerliche Welt, sträuben sich ihre herrschenden Gewalten gegen das Eingeständnis, dass die Krise mit eiserner Faust in die Existenz von vieltausendköpfigen Arbeitermassen hinein gefasst hat, durch Arbeitslosigkeit und geschmälerten Verdienst mit ihren mancherlei Begleiterscheinungen schwerstes Verderben stiftend. Wohl konnte man bürgerlicherseits nicht umhin, das Auftreten und den Vormarsch der Krise selbst zuzugeben. Allzu laut, allzu deutlich redete davon der Zusammenbruch von unsoliden und soliden Banken, von Schwindelgründungen und angesehenen Unternehmen; der Rückgang von Ausfuhr und Einfuhr; der sinkende Absatz von Waren im Vaterland; der lahme Geschäftsgang in wichtigen Industrien; die fallenden Steuereinnahmen des Reiches und anderes mehr. Dagegen leugnete man ebenso unverfroren als verbissen, dass das Proletariat die Hauptlasten der Krise zu tragen habe. Den Notstand anerkennen, den diese über die werktätigen Massen gebracht, hieße das ausbeuterische Wesen, den Widersinn, ja Wahnsinn, die Barbarei der kapitalistischen Wirtschaftsordnung anerkennen. Und hatte man nicht eben noch beim kapitalistischen Festmahle des Aufschwungs mit champagnerheiserer Stimme das Eiapopeia von der Herrlichkeit dieser besten aller Welten gegrölt? Wo und von wem immer bestritten wurde, dass Arbeitslosigkeit und Unsicherheit des Erwerbs einen bedrohlichen Grad erreicht hätten – von Kühnemännern, hochweisen Stadtvätern oder der Berliner Polizei, die mit ihrer Entdeckung von nur 7500 Arbeitslosen prunkte – die beifällige Zustimmung der bürgerlichen Welt blieb nicht aus. Unter all die Ableugnungsversuche aber setzte Posadowsky, der Zwölftausendmark-Ritter ohne Furcht und Tadel, bei der Beratung der sozialdemokratischen Notstandsinterpellation im Reichstag das Reichssiegel. Von einem außergewöhnlichen Elend der Werktätigen wusste man nichts in den Ministerhotels, amtlichen Kanzleien und Polizeistuben. Eine fortlaufende Arbeitslosenstatistik, welche die Bewegung der Arbeitslosigkeit zeigen, eine sofortige Arbeitslosenzählung, die ihren jetzigen Umfang ergeben würde: die brauchte man nicht, die wollte man nicht, und die konnte man nicht. Also erklärte Posadowsky.

Das deutsche Proletariat hat diesem Gerede entgegen bewiesen, dass es eine Arbeitslosenzählung braucht, will und kann. Zu den einschlägigen Erhebungen, welche die Gewerkschaften in vielen größeren Industriezentren vorgenommen oder veranlasst haben, hat sich die hochbedeutsame Arbeitslosenzählung der Berliner Gewerkschaftskommission vom 1. Februar angeschlossen. In großen, unverwischbaren Zügen zeichnen ihre Ergebnisse ein Bild von den grausen Plagen, welche inmitten einer Gesellschaft überquellenden Reichtums die Krise über das deutsche Proletariat ausgeschüttet hat. In Berlin und 13 Vororten wurden nicht weniger als 76.654 Arbeitslose, 52.967 Erwerbstätige mit kürzerer Arbeitszeit, das heißt niedrigerem Verdienst und 19.386 Kranke und Invalide gezählt, zusammen also 149.007 Personen, die nicht mehr oder nur in beschränktem Maße ihren Unterhalt erwerben können. Doch sehen wir von Denen ab, die Krankheit oder Invalidität der Verdienstmöglichkeit beraubt hat. Es verbleibt dann ein Heer von rund 130.000 Menschen, die arbeitsfähig, arbeitstüchtig, arbeitswillig sind; die genährt, bekleidet, behaust sein wollen; die als Familienangehörige, Gemeinde- und Staatsbürger Pflichten erfüllen müssen; die nur zu existieren und ihren Verpflichtungen zu genügen vermögen, wenn sie arbeiten können, deren Hände aber ganz oder zum Teil feiern müssen. Warum? Etwa weil alle Bedürfnisse aller Gesellschaftsmitglieder befriedigt sind; weil es nicht Hungrige gibt, für die es Nahrungsmittel zu beschaffen gilt; in Lumpen Gehüllte und Frierende, deren Blöße gedeckt werden müsste; in luft- und lichtlosen, hässlichen Wohnungshöhlen Zusammengepferchte oder gar Obdachlose, die dringend eines menschenwürdigen Heimes bedürften? Mitnichten. Die Zehntausende und Zehntausende in einer Stadt müssen feiern – und gleich ihnen weitere Scharen allerwärts – weil in Folge der Krise die Kapitalistenklasse aus ihrer Ausbeutung nicht genügend lockenden Profit zu münzen vermag! Dabei beachte man Zweierlei. Die vorliegenden Ziffern zeigen nicht den ganzen Umfang des Elendes, denn sie geben keine Auskunft über die Vielen, deren Einkommen schmäler geworden ist, weil die Lohnsätze und nicht die Arbeitsstunden gekürzt wurden. Sie stellen nicht die Tiefe des Jammers fest, auf den sie hinweisen. Die Mehrzahl Derer, die arbeitslos, krank und invalid sind oder kärglicher verdienen, müssen auch in den Tagen flotten Geschäftsgangs aus der Hand in den Mund leben! Nun, da die Zeiten versiegenden Erwerbs gekommen, können sie nicht aus einem diebes- und feuersicheren Geldschrank oder von der hohen Kante nehmen, um der grimmen Not zu wehren.

Eine furchtbare Anklage gegen die kapitalistische Gesellschaftsordnung schreien die zusammengestellten Zahlen gen Himmel. Und diese Anklage müsste vor Allem von den proletarischen Frauen verstanden werden, denn auch ihre trostlose Lage ist es, die sie enthüllt. In Berlin und vier Vororten (Lichtenberg, Rummelsburg, Charlottenburg, Reinickendorf) wies die vorgenommene Zählung 11.976 Arbeitslose, 8103 beschränkt Erwerbstätige und 4870 Kranke und Invalide weiblichen Geschlechts aus, zusammen also 24.949 notleidende weibliche Personen.* Auf Berlin allein entfallen davon 23.177, von denen 11.121 arbeitslos, 4527 krank oder invalid sind und 7529 kürzere Zeit schaffen. Nach der Berufszählung von 1895 gab es in der Stadt Berlin (ohne Vororte) in Industrie, Handel und Verkehr 155 078 weibliche Erwerbstätige, Die vorliegenden Zahlen weisen mithin aus, dass fast 15 Prozent oder etwas über ein Sechstel derselben notleidend sind. Nicht weniger als 8360 der drei in Betracht kommenden Kategorien von Frauen und Mädchen in Berlin und 578 in den genannten vier Vororten sind Haushaltungsvorstände. Davon ermittelte man 3804 bzw. 282 als arbeitslos, 2417 bzw. 145 als beschränkt arbeitend, 2139 bzw. 151 als krank und invalid. Wer das Los kennt, das in der heutigen Gesellschaft des Proletariats Erbteil ist; wer insbesondere weiß, wie drückend die Bürden sind, denen die proletarische Frau zu erliegen droht, wenn sie durch ihrer Hand oder ihres Hirns Arbeit für Angehörige sorgen muss, und wie armselig trotzdem ihre Existenz, die der Ihrigen ist: dem krampft sich das Herz zusammen in heißem Weh ob des entsetzlichen Elendes, das diese trockenen Zahlen offenbaren. Rund 9000 weibliche Haushaltungsvorstände – Witwen, geschiedene und eheverlassene Frauen, alleinstehende Mädchen – nach denen Scharen Brot heischender Kleinen flehentlich die Hände ausstrecken, von denen alte gebrechliche Eltern, unversorgte Geschwister, sieche, arbeitsunfähige Männer des Lebens Unterhalt begehren! Sie aber, die da Vater und Mutter sein müssen, Pflegerin und Ernährerin zugleich, sie irren vom Schrei der Hungrigen daheim gestachelt auf der Suche nach Arbeit durch die Straßen oder hocken in dumpfer Verzweiflung vor dem erkalteten Herde; sie zermartern das müde, vergrämte Hirn, wie sie mit dem zusammengeschrumpften winzigen Verdienst Alle sättigen können, für deren Notdurft sie aufkommen müssen; sie schleppen sich krank, schmerzgepeinigt im ärmlichen Heim umher, selbst im höchsten Grade der Wartung und Erquickung bedürftig und trotz allem mit den schwindenden Kräften bemüht, für die Angehörigen zu sorgen. Unter den weiblichen Nichthaushaltungsvorständen aber, denen die Krise das Brot geschmälert, wohl gar ganz entrissen, oder die Krankheit erwerbslos gemacht hat, sind Frauen und Mädchen zahlreich, die von Niemand Beistand erhoffen dürfen, umgekehrt, die selbst Anverwandten stützend zur Seite treten sollten. Neben der fieberhaften Sorge von Tag zu Tag, neben dem Hunger, der sich in ihre Eingeweide krallt, erscheinen gar Mancher von ihnen nur zwei Retter aus namenloser Pein: Selbstmord oder Laster.

Und ist nicht auch das Elend, das die Zahlen über Erwerbslosigkeit, verminderten Verdienst und Krankheit der Männer künden, in großem Umfange Frauenelend? Etwas über 55.000 der männlichen Personen, welch: die Statistik in Berlin allein erfasst hat, sind Haushaltungsvorstände, welche Hunderttausenden den Tisch besetzen, ein Obdach sichern, das Zimmer wärmen sollten. Mehr als 23.000 von ihnen sind aber gänzlich arbeitslos, ungefähr ebenso viel schaffen nicht die volle Arbeitszeit, und die übrigen setzt Krankheit außer Stand, dem Erwerb nachzugehen. Wer zählt die Hausmütter, die in der Folge jetzt allein in erdrückender Fron das Brot für die ganze Familie schaffen müssen? Wer ihre Schwestern, die nur von heut‘ auf morgen zu wirtschaften vermögen, wenn sie den Weg zum Pfandleiher oder Trödler wandern, oder wenn ein günstiger Zufall hilft?

„Mene, mene tekel: gewogen und zu leicht befunden“, das ist das Verdammungsurteil, das die Ergebnisse der Berliner Arbeitslosenzählung dem heutigen Regime schreiben. Denn nicht zufällige Ereignisse und Umstände sind es, welche Krise und entschleierte Massennot bedingen. Es ist das ureigenste Wesen dieses Regimes selbst, welches die eine und die andere unabwendbar macht. „Gewogen und zu leicht befunden“, so lautet aber auch der Richterspruch, welcher über die Reformwilligkeit und Reformfähigkeit der herrschenden Klassen fällt. In der Tat: womit beantworten sie die geradezu schauerlichen Ergebnisse der Zählung? Vielleicht mit großherzigen Verzichtleistungen, die angesichts des Überflusses der Kapitalfürsten nicht einmal Opfer wären, und die das bitterste Augenblicksleiden der Werktätigen zu mildern vermöchten? Vielleicht mit weitsichtigen Plänen, die sich angesichts der Machtfülle der Herrschenden leicht durchführen ließen, und die das schlimmste Elend jetzt und bei künftigen Krisen etwas mindern könnten? Weit entfernt davon. Mit kleinlichen Mäkeleien an Einzelheiten der Statistik, um dieser ein paar Hundert der Notleidenden abzufeilschen; mit gehässigen Verleumdungen und Beschimpfungen, um ihre Ergebnisse als tendenziös zu verdächtigen. Die, welche bei jeder offiziellen, die proletarische Lage rosig färbenden Enquete seelenruhig Kamele schlucken, seihen hier geschäftig und mit zornig gerunzelter Stirn Mücken. Und die, welche jede amtliche Erhebung mitsamt den staatlichen Machtmitteln skrupellos, ohne Rücksicht auf die tatsächlichen Verhältnisse und die Allgemeinheit ihren engherzigen Sonderinteressen untertänig machen, schreien über die missbräuchlichen Zwecke einer Aufnahme, die ein Zipfelchen des Schleiers lüftet, der grauenvolle Wirklichkeit deckt, um auf fressende Schäden und dringende Aufgaben hinzuweisen. Wahrhaftig! Sozialpolitische „Kinder nur und Bettler“ können angesichts dieser Predigt der Tatsachen „hoffnungsvolle Toren“ sein, welche vertrauensselig nach der steigenden Ethik und dem Gerechtigkeitssinn der bürgerlichen Klassen blicken.

Aber gleichzeitig mit der Reformohnmacht einer verfallenden und gerichteten Welt zeigt die Arbeitslosenzählung die einzige lebendige, kraftvolle soziale Macht, welche ernstlich zu reformieren wie zu revolutionieren vermag: das klassenbewusste Proletariat. Die Aufgabe, vor welcher der Staat mit seinen riesigen Machtmitteln, mit seinem Heere von Beamten, seinem zahlreichen Stabe geschulter Kräfte zurückschreckte, sie ist von den Enterbten, den Ungeschulten gelöst worden, die zu Wissenden und zu Kämpfenden geworden sind. Die sachkundig vorbereitete und durchgeführte Erhebung, in deren Dienst 12000 Proletarier – darunter manche Genossin – an zwei Sonntagen treppauf, treppab, in Hinterhäuser und Dachzimmer eilten, ist ein Denkmal „dauerhafter als Erz“. Und dieses Denkmal kündet mit dem unvergleichlichen Opfermut, dem organisatorischen Talent, der lichtvollen Einsicht der Berliner Genossen jene wachsende Reife des Proletariats als Klasse, kraft deren dasselbe beim Zusammenbruch der kapitalistischen Ordnung und angesichts seiner eigenen geschichtlichen Aufgaben in Gegenwart und Zukunft stolz erklären kann: „Bereit!

* Diese Berechnungen, denen die bisherigen Veröffentlichungen im „Vorwärts“ zu Grunde liegen, sind nicht ganz genau. Wie nachträglich mitgeteilt und bei der allgemeinen Gesamtausstellung berücksichtigt wurde, ermittelte man im 3. Wahlkreis 400 Personen mehr mit beschränkter Arbeitszeit, im 4., 5. und 6. Wahlkreis zusammen 396 mehr Kranke und Invalide als zuerst ausgeführt. Es ist bei der Korrektur nicht angegeben, wie die veränderten Zahlen sich aus beide Geschlechter und aus Haushaltungsvorstände und Nichthaushaltungsvorstände verteilen. Die richtig gestellten Zahlen gestalten jedoch das Bild nicht günstiger, im Gegenteil. D. V.


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