[Die Neue Zeit, XIX. Jahrgang 1900-1901, II. Band, Nr. 44, S. 545-548]
f Berlin, 31. Juli 1901.
Die vorliegende Nummer der „Neuen Zeit“ trägt das Datum des Tages, an dem Engels vor sechs Jahren gestorben ist; so wird es unsere Leser erfreuen, an diesem Tage einiges Neues von ihm zu lesen, und zwar aus seiner verhältnismäßig unbekannten Frühzeit, aus den ersten Briefen, die er an Marx gerichtet hat.
Sie hatten sich im November 1842 kennen gelernt, auf der Redaktion der „Rheinischen Zeitung“, ohne sich damals näher zu treten, ja mit einer gewissen kühlen Reserve. Marx war in die erste kritische Auseinandersetzung mit seinem älteren Freunde Bruno Bauer geraten, unter dessen Einfluss Engels noch stand. Der Kern des Streites bestand in der Frage, ob die radikalen Ausläufer der Hegelschen Schule sich auch fernerhin mit dem philosophischen Wolkenwandeln begnügen sollten, wie es Bruno Bauer und seine Berliner Gefolgschaft, die sogenannten Freien, verlangten, oder aber ob sie sich praktisch mit den ökonomischen und politischen Tagesfragen befassen müssten, worauf Marx durch seine Tätigkeit an der „Rheinischen Zeitung“ gedrängt wurde. So misstrauisch Engels nun noch im November 1842 dieser Auffassung gegenüberstand, so schnell wurde er zu ihr bekehrt, als er nach England ging, was gleich nach seinem Besuch auf der Redaktion der „Rheinischen Zeitung“ geschah. Die Aufsätze, die er ein Jahr später an die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“ sandte, die Marx inzwischen mit Ruge in Paris begründet hatte, waren ganz aus dem gleichen Geiste geboren, wie die Aufsätze, die Marx in dieser Zeitschrift veröffentlichte; es ergab sich von selbst, dass von nun an die engste Kampfgenossenschaft zwischen ihnen entstand.
Die Briefe, die sie als Redakteur und Mitarbeiter der „Deutsch-Französischen Jahrbücher“ gewechselt haben, scheinen leider verloren gegangen zu sein. Persönlich haben sie sich dann wiedergesehen, als Engels im September 1844 auf der Heimkehr nach Barmen sich zehn Tage in Paris aufhielt. Es war natürlich, dass sie in ihren Unterhaltungen sich über ihr Verhältnis zu Bruno Bauer, von dem sie beide ausgegangen waren, und zur deutschen Philosophie überhaupt verständigten. Und es war nicht minder natürlich, dass sie eine gemeinsame Polemik gegen die „Allgemeine Literaturzeitung“ beschlossen, die inzwischen von Bruno Bauer und den Berliner Freien in Charlottenburg begründet worden war, um sich doch noch der theoretischen Entwicklung des deutschen Geistes zu bemächtigen. Engels schrieb gleich seinen Beitrag zu dieser „kritischen Kritik“, während Marx das Übrige nach der Abreise seines neuen Freundes ausarbeitete. Nach Vollendung des Manuskriptes, aber vor der Veröffentlichung des Buches selbst gaben die Berliner Freien dann noch ein eigentümliches und in seiner Art kräftiges Lebenszeichen von sich, Stirners Buch über den Einzigen und sein Eigentum.
Am 20. Januar 1845 schrieb nun Engels aus Barmen an Marx.
„Was den Stirner betrifft, so bin ich durchaus mit Dir einverstanden. Als ich Dir schrieb, war ich noch zu sehr unter dem allgemeinen Eindruck des Buches befangen; seitdem ich es hab liegen lassen und mehr durchdenken können, find‘ ich dasselbe, was Du findest, Heß, der noch immer hier ist und den ich vor 14 Tagen in Bonn sprach, ist nach einigen Meinungsschwankungen eben dahin gekommen, wie Du; er las mir einen Artikel über das Buch vor, den er bald drucken lassen wird, worin er, ohne Deinen Brief gelesen zu haben, dasselbe sagt. Ich habe ihm Deinen Brief dagelassen, weil er noch Einiges benutzen wollte … Das Neueste ist, dass Heß und ich vom 1. April an bei Thieme & Batz in Hagen eine Monatsschrift: Gesellschaftsspiegel herausgeben und darin die soziale Misere und das Bourgeoisregiment schildern werden, Prospektus etc. nächstens. Das Ding kann mit wenig Mühe redigiert werden, für Material, um namentlich einen Bogen zu füllen, werden sich Mitarbeiter genug finden, wir haben wenig Arbeit dabei und können viel wirken. Außerdem wird Püttmann bei Leske eine Vierteljahresschrift: Rheinische Jahrbücher erscheinen lassen, worin lauter Kommunismus erscheinen soll. Du kannst Dich wohl auch dabei beteiligen. Mein Buch über die englischen Arbeiter wird in 14 Tagen bis 3 Wochen fertig, dann nehme ich mir 4 Wochen Zeit für kleinere Sachen und dann gehe ich.an die historische Entwicklung Englands und des. englischen Sozialismus. Dass Du die kritische Kritik bis auf 20 Bogen ausgedehnt, ist mir allerdings verwunderlich. Es ist aber ganz gut, es kommt so Vieles schon jetzt an den Mann, was sonst wer weiß wie lange in Deinem Sekretär gelegen hätte. Wenn Du aber meinen Namen auf dem Titel hast stehen lassen, so wird sich das kurios ausnehmen, wo ich kaum ½ Bogen geschrieben habe.“
Der „Gesellschaftsspiegel“ und die „Rheinischen Jahrbücher“ sind bekanntlich erschienen, wenn ihnen die Zensur auch kein langes Leben gelassen hat. Ebenso hat Heß seine Kritik Stirners, zugleich mit einer Kritik Bruno Bauers, als kleine Broschüre drucken lassen; sie erschien im Verlag der „Rheinischen Jahrbücher“, bei Leske in Darmstadt. Es heißt darin, dass Stirners Ideal die bürgerliche Gesellschaft sei, die den Staat zu sich nehme, und weiter: „Stirners Opposition gegen den Staat ist ganz gewöhnliche Opposition der freisinnigen Bourgeois, welche es ebenfalls dem Staate in die Schuhe schieben, wenn das Volk verarmt und verhungert.“ Was Stirner dagegen in einer Antikritik einwandte, war recht dürftig, doch verriet er einen nicht üblen Scharfsinn, wenn er aus Marxens Aufsätzen. in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ folgerte, woher Heß seine Kritik habe, „ohne jedoch im Mindesten die scharfsinnige Gewandtheit seines Vorgängers zu erreichen.“
Inzwischen war Marx auf Betreiben der preußischen Regierung aus Paris ausgewiesen worden und nach Brüssel übergesiedelt. Hierauf bezieht sich der Eingang des Briefes, den Engels ihm am 22. Februar 1845 schrieb:
„Lieber Marx, Soeben erhalte ich nach langem Hin- und Herschreiben von Köln aus endlich Deine Adresse; und setze mich sogleich hin, an Dich zu schreiben. Sowie die Nachricht von der Expulsion herkam, hielt ich es für nötig, gleich eine Subskription zu eröffnen, um Dir die dadurch verursachten Extrakosten auf uns Alle kommunistisch zu repartieren. Das Ding hatte guten Fortgang. … Da ich übrigens nicht weiß, ob das genügen wird, um Dir Deine Einrichtung in Brüssel zustande zu bringen, so versteht es sich von selbst, dass mein Honorar für das erste englische Ding, das ich hoffentlich bald wenigstens teilweise ausgezahlt bekomme und für den Augenblick entbehren kann, da mein Alter uns pumpen muss, Dir mit dem größten Vergnügen zur Disposition steht. Die Hunde sollen wenigstens das Pläsier nicht haben, Dich durch ihre Infamie in pekuniäre Verlegenheit zu bringen.
Doch kein Wort weiter von der ganzen niederträchtigen Geschichte, Kriege wird bei Ankunft dieses schon bei Dir sein. Der Kerl ist ein famoser Agitator und wird Dir von Feuerbach viel erzählen. Den Tag nach seiner Abreise von hier traf ein Brief von Feuerbach an mich ein, wir hatten ihm nämlich geschrieben, Feuerbach sagt, er müsse erst den religiösen Dreck gründlich vernichtet haben, eh‘ er sich so mit dem Kommunismus beschäftigen könne, dass er ihn schriftstellerisch vertrete. Auch sei er in Bayern zu sehr von dem ganzen Leben abgeschlossen, als dass er dazu kommen könne. Übrigens sei er Kommunist, es handle sich für ihn nur um das Wie der Ausführung. Wenn möglich, kommt er diesen Sommer an den Rhein, und dann soll er auch nach Brüssel, das wollen wir ihm schon beibringen.
Hier in Elberfeld geschehen Wunderdinge. Wir haben gestern im größten Saale und ersten Gasthof der Stadt unsere dritte kommunistische Versammlung abgehalten. Die erste 40, die zweite 130, die dritte wenigstens 200 Menschen stark. Ganz Elberfeld und Barmen, von der Geldaristokratie bis zur epicerie, nur das Proletariat ausgeschlossen, war vertreten, Heß hielt einen Vortrag, Gedichte von Müller, Püttmann und Stücke aus Shelley wurden gelesen, ebenso der Artikel über die bestehenden kommunistischen Kolonien im Bürgerbuche. Nachher diskutiert bis ein Uhr. Das Ding zieht ungeheuer. Man spricht von Nichts als von Kommunismus, und jeden Tag fallen uns neue Anhänger zu. Der Wuppertaler Kommunismus ist une vérité, ja beinahe schon eine Macht. Was das für ein günstiger Boden hier ist, davon hast Du keine Vorstellung. Wie lange man dem Ding noch so zusehen, wird, weiß ich nicht, aber die Polizei ist jedenfalls in höchster Verlegenheit, sie weiß selbst nicht, woran sie ist, und der Haupt……… , der Landrat, ist gerade in Berlin. Aber wenn man’s auch verbietet, so umgehen wir das, und geht das auch nicht, so haben wir jedenfalls so ungeheuer angeregt, dass Alles, was in unserem Interesse erscheint, hier furchtbar gelesen wird.
25. Februar. Gestern Abend kam die Nachricht, dass unsere nächste Versammlung mit Gendarmen gesprengt und die Redner verhaftet werden sollten.
26. Februar. Gestern Morgen untersagte der Oberbürgermeister der Frau Obermeyer in ihrem Lokal solche Zusammenkünfte zu gestatten, und mir wurde gesteckt, dass wenn trotzdem die Versammlung gehalten würde, eine Verhaftung und Klage folgen würden. Wir haben’s jetzt natürlich dran gegeben und müssen erwarten, ob man uns einklagen wird, was aber kaum zu erwarten ist, da wir schlau genug waren, keine Handhaben zu bieten und die ganze Geschichte nur mit einer großartigen Blamage der Regierung endigen könnte. Ohnehin waren die Staatsanwälte und das ganze Landgericht gegenwärtig, und der Oberprokurator hat selbst mit diskutiert.
7. März. In unserer hiesigen Angelegenheit ist ein Reskript der Regierung zu Düsseldorf eingetroffen, wodurch fernere Versammlungen verboten werden. Heß und Köttgen haben protestiert. Nützt natürlich Nichts, aber die Leute werden aus der Haltung des Protestes ersehen, dass sie uns Nichts anhaben können. Heß ist wieder ungeheuer sanguinisch, weil Alles sonst so famos abläuft, und unsere Fortschritte wirklich ungeheuer sind, der gute Kerl macht sich, wie immer, Illusionen. Unser Gesellschaftsspiegel wird prächtig. Der erste Bogen ist schon zensiert und Alles durch.
Ich würde Dir noch eine Masse Zeugs schreiben, wenn ich eine sichere Adresse nach Brüssel wüsste, die Du mir jedenfalls verschaffen musst. Viele Sachen, die hier vorgefallen, könnten Vielen schaden, wenn sie in einem Cabinet noir gelesen würden. Ich bleibe nur noch 4 Wochen hier und gehe Anfangs April nach Bonn. Schreibe mir jedenfalls nochmals vorher, damit man weiß, wie Dir’s geht.
Die kritische Kritik ist noch immer nicht hier. Der neue Titel: Die heilige Familie wird mich wohl in Familienhäkeleien mit meinem frommen, ohnehin jetzt höchst gereizten Alten bringen. Das konntest Du natürlich nicht wissen. Wie aus der Ankündigung hervorgeht, hast Du meinen Namen zuerst gesetzt, warum? Ich hab‘ ja fast Nichts daran gemacht und Deinen Stil kennt doch Jeder heraus.“
Auch als die „Heilige Familie“ Mitte März erschien, beschwerte sich Engels wiederholt, dass sein Name auf dem Titelblatt stände und nun gar an erster Stelle; vielleicht schwante ihm schon das vernichtende Verdikt der heutigen Universitätskritik, die zwar längst noch nicht den geistigen Inhalt des Buches kapiert, aber doch mit dem Zollstock ausgemessen hat, dass Engels so gar wenig dazu beigesteuert habe, obgleich er auf dem Titelblatt als erster Verfasser genannt sei.
Seine Absicht, in vier Wochen nach Bonn zu gehen und, wie aus anderen Stellen dieser Briefe hervorgeht, nachträglich zu studieren, aus Ekel vor dem „Schacher“ seines kaufmännischen Berufs, hat Engels nicht ausgeführt. Er ging vielmehr im Frühling 1845 nach Brüssel, was entschieden das ungleich Klügere war. Dort machte er gemeinsam mit Marx ein Triennium durch, worin er der akademischen Gelehrsamkeit mindestens um dreißig oder selbst um sechzig Jahre zuvorkam.
Nun lernte er auch den Wert einer kommunistischen Propaganda, von der das Proletariat ausgeschlossen ist, richtiger schätzen: in der Theorie ganz richtig, aber in der Praxis meist schlimmer als nutzlos, hat er später wohl alle Bemühungen genannt, die Kapitalisten von der Richtigkeit der kommunistischen Grundsätze zu überzeugen. Aber zu dem liebenswürdigen, stürmischen und unverwüstlichen Optimismus des jungen Engels gehörte auch dies, dass er die kleinen Versammlungen in Elberfeld gleich als ungeheure Erfolge einschätzte und dabei noch ein wenig mitleidig auf den „guten Kerl“, den Heß, herabsah, der sich immer in Illusionen berausche.
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